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Rezension: Sachbuch : Wieviel Wirklichkeit verträgt die Wirksamkeit?

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Cornelia Brink erklärt, warum die fotografische Dokumentation der nationalsozialistischen Greueltaten nicht lehrreich ist

          6 Min.

          Wer kennt es nicht, das Foto der auf der Ladefläche eines Lastwagens übereinandergeschichteten unbekleideten Leichen? Ordentlich aufgestapelt, präsentieren sich dem Betrachter ungezählte Füße und kahle Schädel. Wer hat es nicht schon einmal gesehen, das Foto von einem apathischen, bis auf die Knochen abgemagerten KZ-Insassen? Am Betrachter vorbei starrt er in die Ferne, nimmt offensichtlich nichts von dem wahr, was um ihn herum geschieht. Die Bilder der skelettgleichen, der verhungerten, der zu Tode geschundenen KZ-Häftlinge bleiben jedem im Gedächtnis.

          Bilder wirken eindringlicher und eindeutiger, können weitaus mehr leisten als das geschriebene oder gesprochene Wort. Fotografien stellen allerdings keine Wirklichkeit dar, sondern sind vielmehr eine Form ihrer Bearbeitung. "Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit", formulierte es einst Wittgenstein. Fotos verleiten den Betrachter daher zu einer ganz spezifischen Wahrnehmung dieser Wirklichkeit. Fotos wirken zudem auf jeden Betrachter unterschiedlich: Der persönliche Bezug zu dem Dargestellten, der eigene kulturelle Hintergrund, die Zeitumstände fließen unmittelbar in die Wahrnehmung und Verarbeitung des Gesehenen mit ein.

          Verständnis ohne Verstehen

          Diese mehrschichtigen Faktoren greift Cornelia Brink in ihrer Untersuchung über den öffentlichen Gebrauch von Fotografien aus NS-Konzentrationslagern auf. Das Untersuchungsobjekt sind Aufnahmen der Alliierten, die unmittelbar nach der Befreiung der Lager entstanden sind - Aufnahmen, die zum Inbegriff der Menschenverachtung geworden sind. In ihnen sieht der Betrachter dementsprechend mehr als "nur" das Abgebildete. In Anlehnung an Manfred Treml und Yasmin Doosry geht die Autorin davon aus, daß diese Aufnahmen emotional wirken und dabei Furcht und Mitleid erzeugen, auch wenn das Dargestellte nicht verstanden wird.

          Zur Charakterisierung der Aufnahmen wird daher immer öfter der Begriff "Ikone" verwendet. Analog zu den religiösen Kultbildern gelten die Aufnahmen als Realität. Während die religiöse Ikone ihre Authentizität der getreuen Wiedergabe der Glaubensinhalte verdankt, liefert bei der Fotografie der mechanisch-chemische Abbildungsprozeß den Authentizitätsbeweis. Als Symbole verstanden, beanspruchen Ikonen und (bestimmte) Fotografien, "komplexe Phänomene zu verdichten und Geschichte stellvertretend wiederzugeben". Die Autorin will die Aufnahmen aus der "Befangenheit" herauslösen, die die Betrachtung der Bilder hervorruft und die alles weitere Nachdenken über das Abgebildete zu erübrigen scheint. Sie stellt keine Frage an die Inhalte des Dargestellten, sondern richtet ihren Blick auf den Umgang mit diesen Fotos.

          Brink fragt nach dem Zweck, der mit dem Gebrauch der Fotografien verfolgt wurde. Die Untersuchung geht dabei im wesentlichen der didaktischen Aufarbeitung des Holocaust nach. Mittels der Aufnahmen, welche die Alliierten unmittelbar nach der Befreiung der Lager machen ließen, sollte die deutsche Bevölkerung mit diesen konfrontiert werden. Die Bilder formulierten eine Anklage: "Diese Schandtaten: eure Schuld."

          In ausführlichen Bildbeschreibungen und -interpretationen weist Brink nach, daß die Bilder bei der Aufnahme kompositorisch konstruiert - nach Ansicht der Autorin sogar überkonstruiert - waren. Dies sei einer der Gründe gewesen, weshalb sie die reedukative Zielsetzung verfehlt hätten: "Die Bilder, die das Gewissen der Deutschen mobilisieren sollten, scheinen das Gegenteil zu bewirken." Denn die deutschen Betrachter reagierten mit Entsetzen und Hilflosigkeit, vor allem aber mit Selbstexkulpation auf den Anblick.

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