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Rezension: Sachbuch : Wie die Stimme, so der Mensch

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Daß wir einen Menschen in hohem Maße anhand seiner Stimme und Sprechweise einschätzen, gehört zu den alltäglichen Erfahrungen. Doch in den geläufigen Selbstbeschreibungen unserer Kultur kommt diese Dimension unserer Stimmenhörigkeit kaum vor. Ob von der Medienkultur oder der Kunst der Gegenwart die ...

          Daß wir einen Menschen in hohem Maße anhand seiner Stimme und Sprechweise einschätzen, gehört zu den alltäglichen Erfahrungen. Doch in den geläufigen Selbstbeschreibungen unserer Kultur kommt diese Dimension unserer Stimmenhörigkeit kaum vor. Ob von der Medienkultur oder der Kunst der Gegenwart die Rede ist, stets schwimmen die Assoziationen auf einem Strom von Begriffen wie Schrift, Zeichen, Differenz, Fragment, Bild oder Symbol. Dieses eigenartige Mißverhältnis hat der Berliner Germanist Reinhart Meyer-Kalkus zum Anlaß genommen, hinter die gegenwärtigen Diskursvorgaben zurückzugehen und die wissenschaftliche, literarisch-künstlerische und kulturkritische Beschäftigung mit "Stimme und Sprechkünsten im zwanzigsten Jahrhundert" historisch und systematisch aufzuarbeiten. In einläßlichen Rekonstruktionen bemüht sich die Habilitationsschrift, Materialien zu einer "historischen Anthropologie der Stimme" zu versammeln.

          Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entsteht in Europa und den Vereinigten Staaten die Phonetik, die Lehre von der lautlichen Seite der Sprache. In Deutschland kommt es dabei zu einem phonetischen Sonderweg: Ästhetische Vorstellungen aus der Goethezeit, die im Kunstwerk den Ausdruck innerer Erlebnisse sehen, verbinden sich im letzten Drittel des Jahrhunderts mit der Ausdruckspsychologie, wie sie etwa Wilhelm Wundt einflußreich vertrat. Wundt ging von einem strengen "Psychophysikalismus" aus, demzufolge jede körperliche Ausdrucksgeste eine geistige Entsprechung besitze, und umgekehrt. Beide Denkfiguren kommen einem physiognomischen Denken entgegen, das sich bald auch in Charakterologien, Typologien und Völkerpsychologien - bis hin zur "Rassenkunde" - ausprägen sollte.

          Auch die Philologie sollte von der neuen Lautforschung nicht unberührt bleiben. Eduard Sievers, einer der einflußreichen Pioniere der Phonetik, wollte der Augen- eine Ohrenphilologie an die Seite stellen und das psychophysikalische Paradigma auf die Literaturforschung ausdehnen. Seine "Schallanalysen" verbanden sich dabei mit der Vorstellung, stimmlichen Charakteristika lägen bestimmte Körperhaltungen und Muskelspannungen zugrunde. Beim lauten Lesen eines Gedichtes nun müsse man zu "Stimmfreiheit", also einem ungehemmten und unangespannten Vortrag kommen. Auf diese Weise beanspruchte Sievers nicht nur, objektive rhythmische und melodische Eigenschaften eines jeden Textes herausarbeiten und gar in der Überlieferung korrumpierte Passagen isolieren zu können. Gemäß der ausdrucksästhetischen Grundvorstellung glaubte er auch, die ursprüngliche Stimme des Verfassers wiederzufinden: die Autorenintention im Klanglabor. Und so lernen wir, daß Goethe, das "Weltgenie der Taktfühlkurve", mit nicht weniger als drei Stimmen schrieb, zwei Stimmtypen seiner Mutter und einem seines Vaters.

          Mit dem Modell von innerem geistigem Zustand und dessen äußerem Ausdruck bricht Karl Bühler, der in seiner Sprachtheorie den Ausdruck subjektiver Zustände um den Appell an einen Adressaten und die Darstellung von Sachverhalten erweitert. Gleichwohl wird die physiognomische Ausdrucksebene der Sprache nicht verabschiedet: Im Mai 1929 läßt Bühler in Radio Wien neun verschiedene Sprecher Schillers Ballade "Der Graf von Habsburg" vorlesen; die Hörer des Senders sollen nun Angaben über Alter, Aussehen, Typ und Beruf der Vortragenden machen. Im Ergebnis stellt Bühler eine das Wahrscheinlichkeitsmaß übersteigende hohe Trefferquote fest. Interessant an solchen Versuchen ist für Meyer-Kalkus, daß die physiognomische Wahrnehmung mit den neuen Medien, die sich wie Radio und Stummfilm zunächst nur an einzelne Sinne richten, nicht an ihr Ende kommt. Weit davon entfernt, der "wilden Hermeneutik" der Physiognomie den Garaus zu bereiten, provoziert die "suspendierte Koexpressivität" - also das mediale Auseinanderreißen des Zusammenspiels der Sinne - vielmehr eine Beschleunigung reflexhaften physiognomischen Urteilens.

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