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Rezension: Sachbuch : Widmung ans Kartäuserkloster

  • Aktualisiert am

Der 35. Gemeinschaftskatalog Deutscher Antiquare

          2 Min.

          Als Herzog Carl August in den Spielplan des Weimarer Theaters eingriff, da er am Wochenende Appetit auf eine Oper verspürte, konnte sich Goethe gegenüber dem Regisseur Anton Genast die Bemerkung nicht verkneifen, daß er "herzlich wünsche, daß es etwas Bedeutendes sey". Auch der "Spielplan" des Gemeinschaftskatalogs Deutscher Antiquare ist seit einigen Jahren einem steten Wandel unterworfen. Die Fluktuation der Händler scheint nicht nur ein Zeichen für die Rezession zu sein, sondern auch für die langwierige Drucklegung des Katalogs, die die Antiquare zwingt, ihr Angebot Monate im voraus festzulegen. Der Startschuß zum Verkauf fällt erst bei Erscheinen des Katalogs. Diese Widrigkeit, die von vielen Händlern bedauert wird, hat sich jedoch nicht negativ auf die Qualität der Offerte ausgewirkt; es gibt durchaus "Bedeutendes". Neben Goethes Brief an Genast, den Meuschel, Bad Honnef, für 4200 Mark bereithält, sind es vor allem wertvolle Bücher.

          Über Aderlaß und Schröpfen, Harndiagnostik und die Eigenschaften der Edelsteine unterrichtet eine astromedizinische Sammelhandschrift süddeutscher Provenienz, die um 1446 entstanden ist. Als Handschrift für den häuslichen Gebrauch ist der Text ungewöhnlich reich, mit Federzeichnungen, illustriert. Für das Manuskript, das sechsunddreißig Blätter umfaßt, verlangt Günther, Hamburg, 280000 Mark. Quaritch, London, spezialisiert auf frühe Drucke, bietet die zweite Ausgabe von Richard von St. Victors "De duodecim patriarchis". "De arca mystica", eine weitere Schrift des Theologen, sowie "De reformatione virium animae" von Gerardus de Zutphania sind dem Werk angebunden. Sämtliche Texte wurden in Basel von Johann Amerbach gedruckt, der, wie die Widmung auf dem Vorsatz verrät, das Buch dem dort ansässigen Kartäuserkloster schenkte (52000 Mark). Mit den Horoskopen berühmter Zeitgenossen, wie dem Heinrichs VIII., des Erzbischofs Hamilton und des Erasmus, kommentierte Girolamo Cardano das astrologische Werk des Ptolemäus. Doch das eindrucksvollste Horoskop, dasjenige von Christus, sicherte dem Autor nicht nur Ruhm, sondern auch die Verfolgung durch die Inquisition. Die Erstausgabe mit dem Horoskop Christi erschien 1554 in Basel (8750 Mark). "Dergelichen zuvor also nie gesehen, noch gelesen, viel weniger im Druck ausgangen", versichert Macholds "Formular Oder Schreiber Buch", Eisleben 1559: Der Text gehört zu einem Sammelband von vier Rechts- und Formularbüchern mit Holzschnitten von Hans Burgkmair und Hans Weiditz, auf die Deuticke, Wien, aufmerksam macht (14000 Mark). Dem an Wundern reichen "Leben und Ableiben" des heiligen Wolfgang widmete sich der Abt des Kosters Mondsee, Christoph Johann. Die Vita wurde 1599 in Salzburg gedruckt und mit Ansichten der Orte seines Wirkens, in 56 Holzschnitten, illustriert. Das umfangreiche Mirakelbuch kostet bei Berg, Regensburg, 12000 Mark. "Kurtzer Unterricht von Essen und Trincken" wird erteilt von Hübners "New Speisebüchlein", Erfurt 1588. Die Erstausgabe - bei Bender, Düsseldorf - beschreibt die für den Kochtopf geeigneten Früchte, Pflanzen und Tiere, die "bey den Teutschen in täglichem Gebrauche sind" (15600 Mark). Bei Bender findet man auch Goethes "Faust", in der Erstausgabe mit den Lithographien von Delacroix, für 48000 Mark. Eine Uniformfolge der Preußischen Armee eröffnet das Angebot von Jeschke, Berlin: Auf zahlreichen Tafeln werden Soldaten verschiedener Regimenter in feiner Deckfarbenmalerei vorgestellt. Vermutlich entstand die Handschrift anläßlich des Regierungsantritts von Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1797 (60000 Mark). Auvermann, Glashütten, präsentiert eine Auswahl von wissenschaftlichen Zeitschriften, darunter die komplette Serie der "Gazette des Beaux Arts", Paris 1859-1993 (125000 Mark). Vier Teile der "Beyträge zur näheren Kenntnis des Galvanismus und der Resultate seiner Untersuchungen" von Johann Wilhelm Ritter bietet Geisenheyner, Münster-Hiltrup. Der Begründer der Elektrochemie, von dem Novalis sagte, "Ritter ist Ritter und wir nur Knappen", zerstörte später selber sein Ansehen, als er sich der Wünschelrutengängerei zuwandte und seine Ergebnisse vorschnell deutete (1800 Mark). BETTINA ERCHE

          Anzufordern beim Verband Deutscher Antiquare, Postfach 18 01 80, 50504 Köln für 10 Mark.

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