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Rezension: Sachbuch : Wer zittert sich denn da heran

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Apart, apart: Christiane Meyer-Thoss über Meret Oppenheim

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          "Man weiß nicht, woher die Einfälle einfallen; sie bringen ihre Form mit sich, so wie Athene behelmt und gepanzert dem Haupt des Zeus entsprungen ist, kommen die Ideen mit ihrem Kleid." Mit einem einprägsamen Bild hat Meret Oppenheim ihre künstlerische Vorgehensweise beschrieben, die vor allem auf freien Assoziationen beruht. Ein "Buch der Ideen", so der Titel der jüngsten Veröffentlichung von Christiane Meyer-Thoss über Meret Oppenheim, müßte demnach ganz im Sinne der unkonventionellen, sprachgewandten und mit Ironie gewappneten Künstlerin sein. Christiane Meyer-Thoss, die sich bereits vor mehr als zehn Jahren dem dichterischen Schaffen der 1913 in Berlin geborenen und 1985 in Basel gestorbenen Künstlerin gewidmet und deren Traumaufzeichnungen öffentlich zugänglich gemacht hat, verspricht auch diesmal, unpubliziertes Material zutage zu fördern - vor allem Zeichnungen und Skizzen.

          Tatsächlich präsentiert der Band Mode-,Schmuck- und Designentwürfe Oppenheims, die so heiter, unverbraucht und provokativ wirken, daß sie einfach begeistern müssen: einen Ohrring in Form eines Vogelnests; einen Stuhl, der die Gestalt eines Dämons angenommen hat; ein Halsband, bestehend aus Knochen, die von einem Strick zusammengehalten werden; einen Gürtel, gefertigt aus Kabel und Steckdose; einen Hut, inspiriert von einer aufgerissenen Hundeschnauze, wobei die lange Zunge aus rotem Samt vor dem Gesicht der imaginären Trägerin herabbaumelt.

          Die Entwürfe mögen überraschen, ihre Publikation freilich weniger, da sie in der Mehrzahl bereits im 1982 von Bice Curiger herausgegebenen Werkverzeichnis der Künstlerin Erwähnung finden. Darüber ließe sich hinwegsehen, wenn der Essay der Autorin, der ein weiteres Mal das Improvisierte und Marginale als zentrale Kategorie künstlerischer Praxis feiert, neue Perspektiven eröffnete. Meret Oppenheims Poesie sei ein handwerkliches Ausbalancieren von Stimmungen, so ist zu erfahren, Perfektion und Vollendung würden von der Künstlerin nicht angestrebt. "Wenn der Geist der Sache berührt ist, verläßt sie das Feld im Vertrauen auf das Fragmentarische, das die Idee des Ganzen lebendiger aufscheinen läßt." Wer sich indes erhellende Reflexionen über den Stellenwert angewandter Kunst in Oppenheims Werk, über den Zusammenhang von künstlerischer Arbeitsweise und Wortspielen, über "Meretleins" Haßliebe zum Surrealismus und ihre ambivalente Glorifizierung zur "femme-enfant" erhofft, der wird enttäuscht.

          Statt dessen sucht die Autorin mimikryartig den "dichterischen Erfindungen" und der "lyrischen Methode" Meret Oppenheims mit einer betont poetischen Sprache gerecht zu werden. So vergleicht sie deren Werk mit "einer Laterna magica der Kunstgeschichte, die durch ein starkes Innenleben zum Leuchten gebracht wird", oder fühlt sich angesichts des Gemäldes "Ein Abend im Jahre 1910" an ein Bild von Munch erinnert, "das nicht existiert". Das "Nachzittern", das die Bildfindungen Oppenheims in ihr auslösen, will Meyer-Thoss gar mit der Methode des "Sich-Heranzitterns" in Worte zu überführen. Da kann es kaum ausbleiben, daß "Stilblüten vor der rohen Leinwand plastisch heraustreten wie Rosen aus dem Gedächtnis".

          Davon überzeugt, einzig die "charismatische Künstlerin" selbst vermöge über Intention, Werkzusammenhang, Lesarten und Deutungsmöglichkeiten Auskunft zu geben, stellt Meyer-Thoss ihre persönlichen Kontakte zu Meret Oppenheim in den Mittelpunkt des Buches. Offen gibt sie zu, daß die Bilder Oppenheims in ihrer Wahrnehmung "den nunmehr freien Platz ihrer Persönlichkeit einnehmen". Infolgedessen werden wenig aussagekräftige Gespräche während gemeinsamer Waldspaziergänge durch den Rheingau in aller Ausführlichkeit ausgebreitet, "aparte Briefwechsel" wiedergegeben oder längst bekannte Anekdoten - etwa jene über die Entstehung der legendären Pelztasse - ohne jede Distanzierung wieder einmal zum besten gegeben. Unbeschwert vom Zweifel und frei von jeglicher methodischen Fessel hantiert Meyer-Thoss mit allen Stereotypen und Klischees, die zur Legende der Künstlerin im zwanzigsten Jahrhundert gehören: Schönheit, sexuelle Attraktivität, Kindlichkeit, Naivität, intuitive schöpferische Kraft und Naturnähe, die von Meyer-Thoss zu allem Überfluß als "bäurisches Erbe" bezeichnet wird. Vorgeblich dem geistigen Ursprung der Kunst Meret Oppenheims auf der Spur, enthüllt Christiane Meyer-Thoss ganz nebenbei doch noch ihre eigene literarische Intention: "Sentimentalität", so heißt es da, sei "ein wesentlicher Beweggrund ihres Schaffens". ANNETTE TIETENBERG

          Christiane Meyer-Thoss: "Meret Oppenheim - Ein Buch der Ideen". Frühe Zeichnungen, Skizzen und Entwürfe für Mode, Schmuck und Design. Verlag Gachnang & Springer, Bern 1996. 156 Seiten, 131 Abb., 62,- DM.

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