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Rezension: Sachbuch : Wer wird Balto-Generalsekretär?

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Große Pläne für ein stilles Wasser: Jürgen von Altens Weltgeschichte der Ostsee

          "Weltgeschichte der Ostsee", das klingt nach "Kunstgeschichte der Badewanne": überdimensioniert. Jürgen von Alten aber meint den Titel ganz ernst: Stand nicht die Wiege Preußens an der Ostsee? Liegt hier nicht St. Petersburg, wo Peter I. das Fenster nach Westen aufstieß, die Stadt der russischen Revolution? Waren die ersten Schüsse auf der Danziger Westerplatte nicht das Signal zum Zweiten Weltkrieg? Und ein halbes Jahrhundert später - forderte in Danzig nicht die Gewerkschaft Solidarnosc das mächtige Moskau heraus? Spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg hat sich Alten zufolge an der Ostsee - besser: an ihren Ufern, "an der Ostsee fallen die Entscheidungen zu Lande", keiner der Anrainer war je eine Seemacht vom Range Karthagos oder Spaniens -, hier also hat sich das Schicksal Europas, vielleicht der Welt entschieden, und kaum jemand hat es bemerkt.

          Rückblende. Siebzehntes Jahrhundert. Auftritt Polen. Das Land hat gute Anlagen, um sich an der Ostsee dauerhaft als Großmacht zu etablieren: Es ist ein Vielvölkerreich, es ist groß - bei Alten stehen Bedeutung und Größe eines Landes stets in Zusammenhang -, eben ein echtes Reich im Sinne des oft zitierten Carl Schmitt, eines, das Ordnung schaffen kann. Doch gute Anlagen sind keine Erfolgsgarantie. Mit Abscheu verdammt Alten die Adelsrepublik, weil sie nicht im Dreißigjährigen Krieg (an der Ostsee) kämpfte, sondern Wien vor den Türken rettete (an der Donau).

          Das wirkt etwas gezwungen, wie Altens Polen-Bild ohnehin mehr historische Bodenhaftung gutgetan hätte: Die erste Teilung Polens zur "Reduzierung polnischen Territoriums nach vergleichbarem Muster" herunterzuspielen und die spätere Auslöschung des Staates schließlich Polen selbst anzulasten, weil es sie durch seine eigene Schwäche sozusagen nahegelegt habe, diese Auslegung hätte sich Alten bei dem von ihm zitierten Martin Broszat widerlegen lassen können. Anderes ist überlegenswert und richtig: etwa daß Schweden seinen imperialen Schwung im siebzehnten Jahrhundert vor allem der Zugkraft des Protestantismus verdankte, daß es nach dem Frieden von Nystad 1720 gleich zwei Erben erhielt: Rußland und den "Juniorpartner" Preußen. Hier webt Alten feinmaschige Beziehungsnetze, verfolgt den deutsch-baltischen Adel nach St. Petersburg, wo er ein "Strom der Administration" für den Zaren war. Zumindest originell ist der Versuch, das Jahr 1871 aus der Ostsee-Perspektive zu betrachten: So entdeckt Alten die genuin nordischen, "schwedischen" Wurzeln der Reichsgründung, macht aus ihr eine translatio imperii an der Ostsee und den preußisch-österreichischen Dualismus zu einem Übergangsstadium.

          Auf die "Gemengelage" an der Ostsee wirkte sich der Nationalismus verheerend aus: Die Nationalstaaten mit ihrem Feilschen um Staatsnation und Minderheiten stellt Alten den "übernationalen" Reichen gegenüber. Das ist eine ziemlich nostalgische Vorstellung, schließlich war das Verhältnis zwischen Reich und den darin lebenden Völkern selten wirklich harmonisch, wie eben auch die polnischen Provinzen zeigten. Unhaltbar ist auch Altens Urteil über die polnisch-deutschen Beziehungen zwischen den beiden Weltkriegen. Das Scheitern des Versailler Nationalitätenkompromisses einseitig Polens "verletztem, übersteigertem Nationalismus" anzulasten heißt, Ursache und Wirkung zu verkehren: Hinter der von Polen drangsalierten deutschen Minderheit stand stets der revisionistische deutsche Staat. Dies, weniger das moralische Unrecht, ist es, was aus Minderheitenproblemen Staatsangelegenheiten - und Kriege - machen kann.

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