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Rezension: Sachbuch : Wer von der Hölle spricht, meint keinen Ort damit

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Das katholische Lexikon für Theologie und Kirche weist mehr fromme als sachliche Einträge auf

          Was ist ein Paradox? Herr Schmidt, der außergewöhnliche Philosophielehrer mit dem gewöhnlichen Namen, wußte eine beispielhafte Antwort: ein Katalog, der alle Kataloge katalogisiert, die sich selbst nicht katalogisieren. Was ist ein theologisches Lexikon? Das Lexikon für Theologie und Kirche, dritte Auflage, Band 7, Spalte 872, weiß auch eine beispielhafte Antwort: Ich selbst bin eines, sagt es, ein "alphabetisch angeordnetes fachspezifisches Nachschlagewerk, das das theologische Wissen nach aktuellem Stand unter fortlaufenden Stichwörtern (oft in Form kleiner Monographien)" darbietet. Nicht paradox, aber kurios, die selbstbezügliche Antwort.

          Doch das Lexikon verrät noch mehr über sich selbst: "Weniger die Restringierung der kontinuierlich anwachsenden Stoffe als die lexikal.-sprachliche Abbreviatur und Verdichtung der Informationen bei immer mehr divergierender Bandbreite der theol. Richtungen ist Charakteristikum einer zweiten Generation ThL." Ist das ein Paradox? Wir fragten nicht Herrn Schmidt, den außergewöhnlichen Philosophielehrer mit dem gewöhnlichen Namen, sondern zogen die zweite Auflage heran, um zu verstehen, was seitdem passiert ist.

          Ein begabter junger Theologe namens Joseph Ratzinger hatte 1960, zwei Jahre vor dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils, in einem aufsehenerregenden Artikel "Hölle" als "Grenzaussage über eine Wesensmöglichkeit" des frei sich gegen die Liebe Gottes entscheidenden Menschen gedeutet. Liest man die systematisch-theologischen Ausführungen des Jesuiten Medard Kehl in der fast vierzig Jahre jüngeren, dritten Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche, dann hat Ratzinger mit seiner Deutung der Hölle der nachkonziliaren Theologie offenbar den Weg gewiesen: "Gläubiges Reden über die Hölle bietet keine gegenständliche Information über einen jenseitigen Strafort oder -zustand, sondern beschreibt die im Glauben bereits jetzt zu machende reale Erfahrung der sündigen Verweigerung des Menschen gegenüber der Liebe Gottes im Modus ihrer möglichen Endgültigkeit."

          Das hatte man sich in der "Hochscholastik" wohl etwas anders gedacht. Andererseits denkt die Theologie ausgangs des zwanzigsten Jahrhunderts über die Hochscholastik auch anders als noch eineinhalb Generationen zuvor. Wurde 1960 der radikale Aristotelismus eines Siger von Brabant und eines Boethius von Dacien "auch philosophisch überwunden", wird in der neuen Auflage des LThK die spannungsreiche Beziehung zwischen Theologie und Philosophie bei jenen beiden Denkern herausgestellt, die eine Theorie der doppelten Wahrheit nahelegt und in der Suspendierung der aristotelischen Physik vielleicht einen Keim der Moderne enthält. Auch das vierzehnte Jahrhundert mit dem alle überragenden Wilhelm von Ockham ist neuerdings nicht mehr nur Verrat an der im Werk des Thomas von Aquin zu sich selbst gekommenen Hochscholastik. Statt dessen stellt Jan P. Beckmann den "Prozeßcharakter der Hochscholastik" heraus und macht das Denken Ockhams aus den Aporien der Schultheologie heraus verständlich. Nur: Wer mehr über jene faszinierende Epoche lesen will, wird ausschließlich auf Werke über Ockham verwiesen, einschließlich eines des Verfassers. Warum nicht auf Kurt Flaschs "Philosophisches Denken im Mittelalter" oder auf "Die Philosophie im lateinischen Mittelalter" von Peter Schulthess und Ruedi Imbach? Man schlage nach unter dem Stichwort "Heterodoxie" - wenn es ein solches gäbe.

          Dafür gibt es "Homosexualität", und das in der jüngsten Auflage gleich über sieben Spalten, wo die zweite Auflage noch mit weniger als drei vollen Kolumnen ausgekommen war. Von "Verdichtung" und "Abbreviatur" kann in dem Fall also nicht die Rede sein, auch nicht im Blick auf den Inhalt des Artikels: "Eine undifferenzierte und grundsätzliche Verwerfung homosexuellen Verhaltens erscheint aber besonders dort problematisch, wo sich die Betroffenen nicht nur keinerlei strafrechtlicher Verfehlungen schuldig machen . . ., sondern umgekehrt ihre Homosexualität in eine dauerhafte, auf personale Bindung gerichtete Beziehung integrieren", schreibt der emeritierte Münchener Moraltheologe Wilhelm Korff. In der Glaubenskongregation unter ihrem Präfekten Kardinal Ratzinger hat man diesen Artikel, der nicht der erste des Verfassers über dieses Thema ist, wieder mit der Lupe gelesen.

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