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Rezension: Sachbuch : Wer sind Sie, was wollen Sie, was können Sie?

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Gershom Scholem war kein Mann fürs Süßholzraspeln: Die Briefe seiner letzten Jahre zeigen es

          Wie es ein Jerusalemer Witz will, wurden die jüdischen Emigranten nach Palästina in den dreißiger Jahren von den Dortigen gefragt: "Kommen Sie aus Zionismus oder aus Deutschland?" Gershom Scholem war aus Zionismus nach Jerusalem gekommen, schon 1923. Aber er kam auch aus Deutschland und hat dies nie verleugnen können oder wollen.

          War, wie nicht nur Spötter behaupten, die Hebräische Universität in Jerusalem, die Scholem 1925 mitgegründet hatte, nach der Studentenrevolte von 1968 und nach diversen deutschen Hochschulreformen die letzte deutsche Universität auf der Welt, so war Scholem einer der letzten deutschen Professoren alter Schule. Ein Privatissimum in seinem Haus in der Abarbanel-Straße im "deutschen" Jerusalemer Stadtviertel Rehavia war die höchste Auszeichnung für Studenten und Gäste aus aller Welt. Ein Gedächtnis, das nichts vergaß und nichts vergab, und die schneidenden, unbestechlichen, oft vernichtenden Urteile Scholems über Gott und alle Gegenstände der intellektuellen Welt waren Tremendum und Faszinosum in eins. Dabei schockierte er mit der Direktheit des Berliners. Scholem hielt sich nie lange mit dem Dekorum auf. Eine seiner gefährlichen, wenn auch das Wesentliche treffenden Fragen, selbst an wohlbestallte ältere Kollegen, lautete: "Was können Sie?"

          Der gerade erschienene dritte und letzte Band der Briefe Scholems aus der Zeit zwischen 1971 und 1982 ist vorderhand der Abschluss des Gelehrtenbriefwechsels des bedeutendsten Vertreters der Wissenschaft des Judentums im zwanzigsten Jahrhundert. Aber nicht nur wegen der vielen familiären Einsprengsel, sondern vor allem der Frische und Direktheit im intellektuellen Austausch wegen ist er wenig konventionell und nie langweilig. Diese Briefe des letzten Lebensjahrzehnts sind gekennzeichnet von einer gewissen Altersmilde, aber nicht von Altersweisheit. Ihr Ton changiert, je nach Bedarf, immer noch zwischen der "schnoddrigen Grazie" der Berliner Schnauze, höflich-distanzierten Floskeln und apodiktischen Zurechtweisungen. Viel ist gesagt worden über die brillante Wissenschaftsprosa Scholems, die sich wohltuend vom esoterischen Schreibstil seines Freundes Walter Benjamin oder dem gewollt ästhetisierten Jargon Adornos abhebt. Aber nur in seinen Briefen zieht er alle Register seiner Sprachmächtigkeit und seines Sprachwitzes. Die Briefe reden, in einer Mischung von wissenschaftlicher Neugier und Strenge, von geschäftstüchtiger Chuzpe und manchmal familiärer Wärme, Tacheles.

          So kann er 1981 an seinen Verleger Unseld anlässlich der Verleihung des Goldenen Ordens Pour le Mérite durch die Bundesrepublik Deutschland an Scholem als "ausländisches Mitglied" (woran ihm als Zionist liegt) schreiben: "Ich werde dort den goldenen statt des gelben Flecks auf der Brust tragen, der nach meinem Ableben statutenmäßig an die Bundesrepublik zurückzugehen hat. Was geschieht, wenn der Orden bei Einbruch des Goldes wegen gestohlen wird, hat man mir bisher nicht mitgeteilt. Jedenfalls scheint es eine feine Angelegenheit zu sein, unter der Mitgliederliste habe ich keinen Autor des Suhrkampverlages ausmachen können."

          Da ist neben der Stichelei gegen seinen Freund Unseld das ganze absurde Lebensschicksal eines von Deutschen erst verachteten, gehassten und samt seiner Wissenschaft vertriebenen, dann hoch geehrten jüdischen Gelehrten selbstironisch zusammengefasst. Dagegen kanzelt Scholem seinen ehemaligen Assistenten und nachmals Berliner FU-Professor Jacob Taubes, der eine kritische Festschrift zu Ehren Scholems herausgeben wollte, ab: "Sie befinden sich, was mich angeht, in einem völligen Irrtum. Was uns seit 25 Jahren irreparabel trennt, gehört keineswegs zu den ,Eitelkeiten des akademischen Lebens', sondern sind existenzielle Entscheidungen meines Lebens (nicht des akademischen, sondern des moralischen, wenn ich mir das Wort einmal gestatten darf) . . . Aber ich möchte keinen Zweifel darüber lassen, daß ich mich an keinem Buche beteiligen werde, das sich kritisch, ehrend, oder höflich mit mir befaßt, und an dem Sie, Herr Taubes, als Herausgeber, oder als Autor teilhaben . . . In trauriger Erinnerung und guten Wünschen für Ihr Ergehen . . ."

          Itta Shedletzky, die Herausgeberin dieses Briefbandes, hat 238 von zirka zweitausend späten Briefen Scholems ausgewählt und sie mitsamt Gegenbriefen im Anhang sorgsam dokumentiert und enorm kundig kommentiert. Diese Briefe spiegeln die akademischen Interessen und Arbeiten Scholems in seinem letzten Lebensjahrzehnt ebenso wie die Scholem-Rezeption und -Wirkung zu seinen Lebzeiten: Scholems Bücher über Walter Benjamin und seine eigene Jugendbiographie "Von Berlin nach Jerusalem" wurden damals publiziert. Aber auch Scholems Schweiz-Aufenthalte jeden Sommer, seine Vorträge auf den Eranos-Tagungen, die Einladungen zu Ehrungen in aller Welt und nicht zuletzt die Familie spielen eine Rolle. "So wie Du in der Familie Scholem, Australien, Mischehen sammelst, so sammle ich anscheinend Preise", schreibt Scholem dem ältesten Bruder Reinhold nach Sydney, als er wieder einen Ehrendoktor "aufgebrummt" bekommt.

          Viele der Briefe sind jedoch auch eine akademische Geschäftskorrespondenz, die Scholem in vertrauter Frontstellung gegen den Neomarxismus nicht nur Blochs und Horkheimers, sondern auch der Adepten der Studentenbewegung zeigen, wo er eifersüchtig und streitbar als Erbwalter seines Freundes Walter Benjamin agiert, den er gegen die Vereinnahmung durch Neomarxisten verteidigt. Dabei entschädigt oft nur die Respektlosigkeit gegenüber staatlichen und wissenschaftlichen Autoritäten, die eigene Person eingeschlossen, den Leser für manches Schulmeisterliche. Die großen Kontroversen in Scholems Leben, die Auseinandersetzung um Hannah Arendts Eichmann-Buch, Martin Bubers Chassidismus-Deutung und Scholems "Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch", klingen in diesem Band nur noch nach.

          Im Jahr 1982, kurz vor seinem Tod, war Scholem erster Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Es war keine Heimkehr. Scholem war weder durch akademische Ehren noch durch Orden heimzuholen. Der nicht nur emotionale, sondern tief reflektierte und konsequent durchgehaltene Bruch mit Deutschland wegen des "Antisemitismus" und der Shoa war irreparabel, schloss aber den freundlichen und sogar freundschaftlichen intellektuellen Austausch mit einzelnen nichtjüdischen Deutschen, allen voran Jürgen Habermas, nicht aus. Deutlich werden die Abgründe dieses Bruchs mit Deutschland durch einen der bedeutendsten jüdischen - und deutschen - Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Brief an Walter Boehlich von 1979: "Die NS-Prozesse vor deutschen Gerichten sind eine total hoffnungslose Angelegenheit, sogar wenn der Vorsitzende sich untadelig verhält. Es ist ebenso unmoralisch, solche Prozesse gar nicht, als wie sie aufgrund der Strafprozessordnung zu halten. In beiden Fällen kann nichts als Verzweiflung dabei herauskommen. Es ist sehr traurig, sich sagen zu müssen, dass im Grunde die einzige moralisch, wenn auch nicht gerichtlich einwandfreie Justiz wäre, wenn einer der Zeugen die Angeklagten im Gerichtssaal erschiessen würde. Ich hoffe, Sie nehmen mir diesen Satz nicht übel." Sein Hingang ist das Ende einer Epoche, hat Hans Jonas zum Tod von Scholem geschrieben.

          CHRISTOPH SCHULTE

          Gershom Scholem: "Briefe". Band III: 1971-1982. Herausgegeben von Itta Shedletzky. C. H. Beck Verlag, München 1999. XV, 517 S., 7 Abb., 5 Faksimiles, geb., 98,- DM.

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