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Rezension: Sachbuch : Wer sind Sie, was wollen Sie, was können Sie?

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Gershom Scholem war kein Mann fürs Süßholzraspeln: Die Briefe seiner letzten Jahre zeigen es

          4 Min.

          Wie es ein Jerusalemer Witz will, wurden die jüdischen Emigranten nach Palästina in den dreißiger Jahren von den Dortigen gefragt: "Kommen Sie aus Zionismus oder aus Deutschland?" Gershom Scholem war aus Zionismus nach Jerusalem gekommen, schon 1923. Aber er kam auch aus Deutschland und hat dies nie verleugnen können oder wollen.

          War, wie nicht nur Spötter behaupten, die Hebräische Universität in Jerusalem, die Scholem 1925 mitgegründet hatte, nach der Studentenrevolte von 1968 und nach diversen deutschen Hochschulreformen die letzte deutsche Universität auf der Welt, so war Scholem einer der letzten deutschen Professoren alter Schule. Ein Privatissimum in seinem Haus in der Abarbanel-Straße im "deutschen" Jerusalemer Stadtviertel Rehavia war die höchste Auszeichnung für Studenten und Gäste aus aller Welt. Ein Gedächtnis, das nichts vergaß und nichts vergab, und die schneidenden, unbestechlichen, oft vernichtenden Urteile Scholems über Gott und alle Gegenstände der intellektuellen Welt waren Tremendum und Faszinosum in eins. Dabei schockierte er mit der Direktheit des Berliners. Scholem hielt sich nie lange mit dem Dekorum auf. Eine seiner gefährlichen, wenn auch das Wesentliche treffenden Fragen, selbst an wohlbestallte ältere Kollegen, lautete: "Was können Sie?"

          Der gerade erschienene dritte und letzte Band der Briefe Scholems aus der Zeit zwischen 1971 und 1982 ist vorderhand der Abschluss des Gelehrtenbriefwechsels des bedeutendsten Vertreters der Wissenschaft des Judentums im zwanzigsten Jahrhundert. Aber nicht nur wegen der vielen familiären Einsprengsel, sondern vor allem der Frische und Direktheit im intellektuellen Austausch wegen ist er wenig konventionell und nie langweilig. Diese Briefe des letzten Lebensjahrzehnts sind gekennzeichnet von einer gewissen Altersmilde, aber nicht von Altersweisheit. Ihr Ton changiert, je nach Bedarf, immer noch zwischen der "schnoddrigen Grazie" der Berliner Schnauze, höflich-distanzierten Floskeln und apodiktischen Zurechtweisungen. Viel ist gesagt worden über die brillante Wissenschaftsprosa Scholems, die sich wohltuend vom esoterischen Schreibstil seines Freundes Walter Benjamin oder dem gewollt ästhetisierten Jargon Adornos abhebt. Aber nur in seinen Briefen zieht er alle Register seiner Sprachmächtigkeit und seines Sprachwitzes. Die Briefe reden, in einer Mischung von wissenschaftlicher Neugier und Strenge, von geschäftstüchtiger Chuzpe und manchmal familiärer Wärme, Tacheles.

          So kann er 1981 an seinen Verleger Unseld anlässlich der Verleihung des Goldenen Ordens Pour le Mérite durch die Bundesrepublik Deutschland an Scholem als "ausländisches Mitglied" (woran ihm als Zionist liegt) schreiben: "Ich werde dort den goldenen statt des gelben Flecks auf der Brust tragen, der nach meinem Ableben statutenmäßig an die Bundesrepublik zurückzugehen hat. Was geschieht, wenn der Orden bei Einbruch des Goldes wegen gestohlen wird, hat man mir bisher nicht mitgeteilt. Jedenfalls scheint es eine feine Angelegenheit zu sein, unter der Mitgliederliste habe ich keinen Autor des Suhrkampverlages ausmachen können."

          Da ist neben der Stichelei gegen seinen Freund Unseld das ganze absurde Lebensschicksal eines von Deutschen erst verachteten, gehassten und samt seiner Wissenschaft vertriebenen, dann hoch geehrten jüdischen Gelehrten selbstironisch zusammengefasst. Dagegen kanzelt Scholem seinen ehemaligen Assistenten und nachmals Berliner FU-Professor Jacob Taubes, der eine kritische Festschrift zu Ehren Scholems herausgeben wollte, ab: "Sie befinden sich, was mich angeht, in einem völligen Irrtum. Was uns seit 25 Jahren irreparabel trennt, gehört keineswegs zu den ,Eitelkeiten des akademischen Lebens', sondern sind existenzielle Entscheidungen meines Lebens (nicht des akademischen, sondern des moralischen, wenn ich mir das Wort einmal gestatten darf) . . . Aber ich möchte keinen Zweifel darüber lassen, daß ich mich an keinem Buche beteiligen werde, das sich kritisch, ehrend, oder höflich mit mir befaßt, und an dem Sie, Herr Taubes, als Herausgeber, oder als Autor teilhaben . . . In trauriger Erinnerung und guten Wünschen für Ihr Ergehen . . ."

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