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Rezension: Sachbuch : Wer ist der wahre Imam im Islam?

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Bassam Tibi erzählt von einer jahrhundertelangen Suche / Von Wolfgang Günter Lerch

          Zu den im Hinblick auf Gelehrsamkeit und Tugenden berühmtesten Familien von Damaskus gehören die Banu al-Tibi." Mit diesem Satz beginnt der Autor am Ende seines Buches jene Passagen, die den Leser mit seiner Biographie, seinem wissenschaftlichen Werdegang und seinen Publikationen bekannt machen sollen. Bassam Tibi, der in Göttingen und Harvard lehrende Politologe und "Islamologe", zitiert diesen Satz (und noch andere) vor allem, um sich gegen muslimische Kritiker zu wappnen. Militante Islamisten haben nämlich verbreitet, der Autor sei gar kein Muslim. Anders können sie sich nicht erklären, daß Tibi, ein überzeugter Anhänger seiner Religion und gleichzeitig aufklärerischer Kritiker, den Islam seit bald drei Jahrzehnten so unter die Lupe nimmt, wie er das seit nun bald drei Jahrzehnten tut.

          "Der wahre Imam" wird den Fundamentalisten, den Integristen und Islamisten ebensowenig gefallen wie Tibis andere Bücher über Islam und Islamismus. Der Autor betrachtet diese Geschichte der politischen Ideen im arabischen Orient als sein Hauptwerk; er hat zehn Jahre daran gearbeitet.

          Grundidee und roter Faden der Darstellung ist die Auffassung, der Islam habe seit den Tagen seines Stifters, des Propheten Muhammad, nach dem wahren Imam gesucht, das heißt nach der Person jenes einzig wahren "Vorbeters und Leiters" der Umma, der Gemeinde aller Muslime. Der Prophet und Politiker, der um das Jahr 570 zu Mekka geboren wurde und 632 starb, war, was seine Unverwechselbarkeit und Größe ausmacht, kein Imam, sondern der Stifter des Islam als Religion. Die Suche nach dem Imam, der den Propheten rechtmäßig vertritt, beginnt somit unmittelbar nach dem Tode Muhammads.

          Vor seinem triumphalen Einzug in die Vaterstadt, das heißt vor dem endgültigen Sieg des Islam über das altarabische Heidentum, lagen acht Jahre der politischen Gestaltung der Gemeinde zu Medina, wohin sich Muhammad zwischenzeitlich flüchten mußte (das war die berühmte "Hedschra", mit der die islamische Zeitrechnung beginnt).

          Nach seinem Tod gab es keinerlei Regelung für die Nachfolge. Hier setzt die Suche nach dem Imam ein. Die gesamte Geschichte des Politischen im Islam kreist, so die These des Autors, um diese Suche nach dem wahren Imam. Bis heute ist sie ohne den religiösen Kontext nicht denkbar, er hat sie bestimmt und - spätestens seit den ersten Jahrzehnten nach Muhammads Tod - in eine ganz bestimmte Richtung gedrängt. Überspitzt formuliert: So wie der Prophet selbst noch nicht das religiöse Recht der Scharia kannte, so wußte er natürlich auch nichts von den Theorien über den wahren Imam. Diese waren und sind das Werk der Religionsgelehrten, der ulama, vor allem der Sakraljuristen, fuqaha, die für den Islam so charakteristisch sind. Der Prophet war ein Politiker, der oft pragmatisch handelte, Staats- oder Herrschaftstheorien hat er nicht entworfen.

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