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Rezension: Sachbuch : Wer hat die Kokosnuß geklaut?

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Wir müssen uns nicht mehr bekrabbeln: Robin Dunbar erklärt, wie zunächst die Affen die List und die Menschen dann die Sprache erfanden

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          Wer das Denken den Pferden überläßt, weil die einen größeren Kopf haben, setzt auf eben das falsche. Denn Geisteskraft bemißt sich weniger in Gramm als im rechten Verhältnis. Wird die Gehirngröße zum Körpergewicht in Beziehung gesetzt, schneiden Hafermotoren zwar besser ab als Dinosaurier und Fische, doch werden sie von Primaten lässig ausgestochen. Warum allerdings manche Tiergruppen ein größeres Gehirn haben als andere, ist eine mehr als triviale Frage. Zur Beantwortung derselben hat Robin Dunbar seinen etwa 1600 Kubikzentimeter umfassenden Neuronenkosmos bemüht. Für den Biologieprofessor an der Universität Liverpool steckt im "Warum?" vor allem ein "Wozu?". Sprich: Es gilt den Zweck zu ergründen, der Trägern eines bestimmten biologischen Merkmals einen Fortpflanzungsvorteil verschafft.

          Für Dunbar, Leiter einer Arbeitsgruppe für evolutionäre Psychologie, ging der Geist zunächst einmal durch den Magen. Hinter einer in Vermampfung begriffenen Banane steckt nämlich immer ein kluger Kopf, während die Mäh- und Muhsager mit schlichterem Blatt vorliebnehmen - noch dazu in Schwarzweiß. Wie das? Viele Affen essen Früchte, die sich aber dummerweise rar machen im Gelände. Deshalb brauchen sie ein gutes Ortsgedächtnis. Blattfressern wie Schafen oder Rindern genügt hingegen Hingabe an die Schwerkraft, um mit der Zunge im Schlaraffenland zu landen. Überdies müssen Frugale die dritte Dimension bewältigen - nämlich die Feige im Raum lokalisieren -, und sie brauchen extra Kapazität, um mit Hilfe des Farbensehens das bunte Obst vor einer grünen Blättertapete auszumachen.

          Ihre spezielle Speisekarte vor Augen, wurden Primaten deshalb zu Großkopferten. Das bewahrte sie gleichwohl nicht vor der Klassengesellschaft in eigenen Reihen. Doch warum regieren die Lemuren Madagaskars ihre Körper mit winzigen Schaltzentralen (und degradieren sich dadurch "zu Recht" zu Halbaffen), während "echte" Affen und besonders Menschenaffen wahre Gehirntiere sind? Unser Gehirn wiegt zwar nur zwei Prozent des Körpers. Doch dafür verschlingt es ein Fünftel aller Nahrungsenergie. Gehirne sind "kostspielige Gewebe".

          Dunbar setzt die Lebensgewohnheiten der etwa zweihundert lebenden Arten von Primaten in Bezug zur Größe ihres Neocortex, des "denkenden" Gehirnteils. Die Komplexität der Umwelt konnte die Unterschiede nicht erklären: Weder die Länge der Tageswanderungen noch die Größe der Wohngebiete oder der Anteil der Früchte in der Nahrung nährt das Neuhirn. Hingegen wächst der Neocortex mit ansteigender Gruppengröße: Einzelgängerische Galagos kommen mit weniger Grips aus als die zehn Mitglieder eines Gorillaharems oder gar Schimpansen sechzigköpfiger Kommunen. Warum?

          Dunbars Behauptung stellt den Papst der Entwicklungspsychologie, Jean Piaget, auf den Kopf: Nicht die physische, sondern die soziale Umwelt züchtete dezidiertes Denken heran. Denn Artgenossen sind immer auch Konkurrenten. Wer die Vorteile des Gruppenlebens nutzen möchte, kann diesen Nachteil abmildern durch einen gehörigen Schlag "machiavellistischer Intelligenz", durch Tricks, Tücke, Täuschung und Taktieren. Wer nicht untergehen will unter seinesgleichen, muß verschlagen sein und als "Gedankenleser" die bösen Absichten anderer durchschauen. Manipulation und Misinformation waren deshalb Wetzsteine, an denen sich die Intelligenz schärfte.

          Affen verbringen freilich auch viel Zeit mit gegenseitigem Kraulen. Und zwar wiederum um so mehr, je größer ihre Gruppen sind. Mit der Hand holen sich Affen Informationen ein - sie checken Kontrahenten aus, versöhnen sich, machen sich lieb Kind bei Bündnispartnern. Und sie lassen es sich gern gefallen, weil die Massage die Ausschüttung körpereigener Opiate anregt. Ähnlich künstlich hergestelltem Opium und Morphin dämpfen sogenannte Endorphine und Enkephaline die Reizübertragung durch Nervenzellen.

          Schimpansen müssen etwa ein Fünftel des Tages mit Kraulen zubringen, um ihr soziales Netz tragfähig zu halten. Gruppen früher Menschen aber wuchsen bald auf hundertfünfzig Mitglieder an - nicht zuletzt, weil Konkurrenz benachbarter Frühmenschen solche Zusammenschlüsse erzwang. Da wäre dann der halbe Tag fürs Bekrabbeln draufgegangen. Um ihre Bindungen weiterhin zu festigen, wurden die Grunzer der Altvorderen zur Lautmalerei verfeinert. Gleich der Körperpflege dient nämlich auch das Schwätzchen der Sozialhygiene. Wer Kraulen durch Sprache ersetzt, erreicht jedoch dreimal so viele Mitaffen. Moderne Gesprächsgruppen bleiben jedenfalls bis zum Viererplausch stabil. Alltagsgespräche, in Zügen und Cafeterias belauscht, transportieren zudem auch heute zu zwei Dritteln Klatsch.

          Dunbar offenbart sich wieder einmal als radikaler Gradualist, als Evolutionsforscher, für den Menschen eine andere Art Tiere sind. Seine munteren Sprachspiele sind nicht unumstritten unter Psychologen und Primatologen. Gerne wird ihm vorgeworfen, aus Korrelation vorschnell Kausalität abzuleiten - als führe er den Geburtenrückgang im Nachkriegs-Niedersachsen auf das Wenigerwerden dortiger Störche zurück. Nun können selbst solche Größen zusammenhängen - beispielsweise wenn der Wohlstand pro Niedersachse sich gut durch Verzicht auf Kinder bei gleichzeitigem Raubbau an der Natur steigern ließe. Zudem werden selbst Dunbars Kritiker einräumen, daß seine Thesen stimulieren. Wissenschaftlichen Wettstreit anzuheizen, fördert die Disziplin jedenfalls mehr, als sich jedem Spekulieren zu verweigern. Deutsche sammeln gerne Daten, um die Natur zu beschreiben - während Dunbar sie erklären will. Diesem Primat der Theorie verdankt die englischsprachige Evolutionsbiologie Brillanz und Führungsrolle. VOLKER SOMMER

          Robin Dunbar: "Klatsch und Tratsch". Wie der Mensch zur Sprache fand. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. C. Bertelsmann Verlag, München 1998. 288 S., geb., 36,90 DM.

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