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Rezension: Sachbuch : Wer ging wann warum wohin?

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Sehr willkommen: Das "Lexikon der österreichischen Exilliteratur"

          3 Min.

          Jetzt gibt es also ein Lexikon der österreichischen Exilliteratur, und zwar nicht zu früh, denn es sind über sechzig Jahre seit der Flucht der Literaten vor Hitler vergangen, ja noch mehr, wenn man das Exil von der "Ständestaat"-Regierung und der Niederschlagung der österreichischen Sozialdemokratie im Jahre 1934 an rechnet. Glücklicherweise informiert das Vorwort vorzüglich über die neuere Geschichte Österreichs und die vielfältigen Spaltungen innerhalb der österreichischen Literatur in solche Schriftsteller, die schon vor dem Austrofaschismus das Weite suchten, solche, die es mit Dollfuß und Schuschnigg hielten, von denen dann einige Nazigegner wurden, während andere den Übergang zu den deutschen Nazis leicht bewerkstelligten, sofern sie nicht vorher schon heimlich das Parteiabzeichen unter dem Rockaufschlag trugen. Die meisten von ihnen waren Juden oder jüdischer Abstammung, was ihre Entscheidungsfreiheit stark beeinträchtigte.

          Die dornige Frage, was denn nun "österreichisch" sei, beantworten die Herausgeber pragmatisch. Bereits die im ersten Absatz genannten Namen geben eine Idee von ihrer Großzügigkeit: Rose Ausländer ist in Czernowitz geboren, Elias Canetti in Rustschuk, Bulgarien, Joseph Roth in Brody, Galizien, Franz Werfel in Prag. Aus dieser Liste sind nur Hermann Broch, Hilde Spiel und Stefan Zweig in dem Land geboren, das man heute Österreich nennt. Offenbar liegt der Auswahl das Gebiet der alten Donaumonarchie zugrunde, und auch da mehr "Cisleithanien" als das von Ungarn verwaltete "Transleithanien".

          "Wie bei allen empirischen Untersuchungen", schreiben die Herausgeber, "gibt es in diesem Lexikon einen festen ,Kern' des relativ eindeutig Zuordenbaren, um den sich die ,Grenzfälle' gruppieren." Aber auch, was ein Exilant ist, wird dehnbar ausgelegt. Es werden Autoren aufgenommen, die nie ausgewandert sind, sondern in Konzentrationslagern ermordet wurden, sowie im Lande gebliebene, die entweder Widerstand geleistet oder der sogenannten "inneren Emigration" angehört haben, sogar solche wie Albert Paris Gütersloh, der "sich zu arrangieren sucht", aber von den Nazis als "entarteter Künstler" eingestuft und entsprechend behandelt wurde. Das Gute daran ist, daß das Lexikon selbst diese Informationen bietet.

          Überhaupt zeichnet sich das Werk durch eine ungewöhnliche Wahrheitsliebe aus. In Österreich gern geleugnete oder umgangene Tatsachen werden unverblümt ausgesprochen: "Der organisierte Massenmord war ohne die tätige und stillschweigende Mitwirkung ungezählter Deutscher und Österreicher nicht vorstellbar. Nicht mehr das Hitlerregime und seine verblendeten Parteigänger allein waren in diese Verbrechen verwickelt, sondern große Teile des Volkes." Aber es werden auch Dinge klargestellt, über die vielfach nebulose Vorstellungen zirkulieren, zum Beispiel die Natur des Exils. "Die rassistisch Verfolgten" - schon diese Ausdrucksweise ist der üblichen "rassisch Verfolgte" vorzuziehen, denn diese Menschen wurden ja nicht wegen einer Sache verfolgt, die ihnen anhaftete, sondern wegen eines Wahns in den Köpfen der Verfolger -, heißt es, ",gingen ins Exil' - die Formulierung unterstellt, ,das Exil' sei als bezugsfertiges Gehäuse irgendwo auf der Welt bereitgestanden, und unterschlägt, daß ,Exil' von den Vertriebenen erst erkämpft und erschlichen, erkauft und erbettelt werden mußte." Dieses Vorwort verdiente es, separat veröffentlicht und vor allem in den Schulen gelesen zu werden, zumal "eine Literaturgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts", wie die Herausgeber feststellen, "ohne Berücksichtigung der Exilliteratur nicht vorstellbar" ist.

          Aber wie prüft ein Rezensent die Gründlichkeit eines Lexikons? Indem er zum Beispiel den Namen der Person nachschlägt, die er am besten kennt, seinen eigenen. Er findet ihn, und sein Vertrauen zur Gründlichkeit des Lexikons steigt. Wenn aber dann der Mädchenname seiner Mutter falsch angegeben ist, wenn seinem Vater ein nichtexistenter Lebensweg angedichtet wird, wenn der amerikanische Bundesstaat, in dem er lebt, zweimal genannt wird, einmal richtig und einmal falsch, dann sinkt sein Vertrauen zur Genauigkeit der Eintragungen. Es bleibt die Hoffnung, daß es sich um vereinzelte Entgleisungen handelt. Immerhin enthält das Lexikon siebenhundert Eintragungen und ist eine Fundgrube von Nachrichten über berühmte, aber auch verschollene und zu Unrecht vergessene Schriftsteller mitsamt einer Auswahl ihrer Werke. Mit seiner übersichtlichen Anordnung, den Verzeichnissen der Pseudonyme, die viele von ihnen angenommen haben, der verwendeten Literatur, der Abkürzungen, der weiterführenden Anthologien und seinem reichen Bildmaterial ist es sehr nützlich und leicht verwendbar.

          EGON SCHWARZ

          Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser (Hrsg): "Lexikon der österreichischen Exilliteratur". Deuticke Verlag, Wien und München 2000. 763 S., geb., 82,- DM.

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