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Rezension: Sachbuch : Wer früher in den Kochtopf kam, sitzt heute in den Akademien

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Mit Philosophie und guten Nerven wettert Norberto Bobbio gegen die vermeintlichen Schönheiten des Alters

          4 Min.

          Seit den sechziger Jahren sind Horkheimer, Adorno und Habermas in Italien präsent. Gadamer ist Ehrenbürger von Neapel, und die Römische Akademie hat ihn im Vorjahr mit dem Premio Feltrinelli hoch geehrt. In jeder größeren italienischen Buchhandlung liegen bergeweise die Bücher der deutschen Philosophen der Gegenwart. Nicht nur die Werke der Vergangenheit werden in Italien übersetzt, gelesen und zitiert. Von Luhmann bis Drewermann - Italien schluckt alles. Aber eine Gegenbewegung von Süd nach Nord findet kaum statt. Umberto Eco beweist nicht das Gegenteil; seine Wirkung reicht allenfalls in die Linguistik, nicht in die deutsche Philosophie.

          Woran liegt diese Einseitigkeit? Die schmeichelhafteste Erklärung wäre die höhere Qualität der deutschen philosophischen Texte. Sie trifft insofern zu, als die italienische systematische Philosophie seit dem Tod von Croce und Gentile sich regelmäßig darin erschöpft, Heidegger, Horkheimer, Habermas oder Gadamer auf italienisch zu paraphrasieren. Damit ist die italienische Philosophie aber noch nicht ganz beschrieben. Die produktivsten italienischen Autoren haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg von Croce und mehr noch von Gentile abgestoßen, haben dabei aber zwei ihrerImpulse weitergeführt und umgewandelt - die historische Orientierung und das politische Engagement.

          Die großen Männer der heutigen italienischen Philosophie heißen Eugenio Garin und Norberto Bobbio. Beide sind keine "Philosophen" im Sinne der deutschen systematischen Tradition. Sie entwickelten im Anschluß und im Kontrast zu Croce, Gentile und Gramsci ihr eigenes, originelles Konzept von Philosophie. Sie sind - wie Bobbio - vorwiegend Theoretiker der Politik und der Demokratie, oder sie treiben - wie Garin - vorwiegend Geschichte der Kultur als philosophische Kritik. Sie haben ein ausgearbeitetes Konzept von Kultur und von Geschichte, das nicht mehr geschichtsphilosophisch ist.

          Wer sich herausnehmen wollte, dieses Konzept im Sinne der deutschen Professoren-Philosophie als außerphilosophisch abzulehnen, müßte sich zunächst einmal auf seine Stärken einlassen. Beide Herren sind 1909 geboren. Garin fährt in seinen unvergleichlich präzisen und ergebnisreichen Forschungen fort; Norberto Bobbio denkt öffentlich nach - über sich, über die Rolle der Intellektuellen, über die Lage der Republik und über das Alter.

          Das Lob des Alters hat eine lange kulturelle Tradition. Bobbio spielt mit dem Titel seines neuen Sammelbandes "De senectute" auf Cicero an, aber wer ein humanistisches Loblied auf die Vorzüge des Alters als der Zeit der Weisheit erwartet, wird enttäuscht. Erasmus hatte gesagt: Wer den Krieg lobt, der kennt ihn nicht aus Erfahrung, und Bobbio wandelt das ab: "Wer das Alter lobt, kennt es nicht aus Erfahrung." Ihm zufolge ist es Verlangsamung und Erstarrung; es ist Rückblick und Ideenverengung, Mattigkeit und Melancholie. Es ist das Bewußtsein vom nahen Tod.

          Hatte Cicero rhetorisch die Freuden der Rückkehr der Seele in ihre Sternenheimat gefeiert, so kennt Bobbio keinen Unsterblichkeitstrost. Die Gründe, nicht an ein Jenseits zu glauben, scheinen ihm besser als die Gründe dafür. Bobbio steht Jean Améry näher als Cicero, er hält es mit Canetti und Montaigne und versucht nicht, das alte Weisheitspathos wiederzubeleben. Dazu ist er zu skeptisch, zu empirisch.

          "Die Alten sind zu verliebt in ihre eigenen Ideen. Daher hindern sie den Fortschritt. Die primitiven Völker haben sie aufgegessen, um den Fortschritt zu sichern. Wir heute setzen sie in die Akademien. Das ist eine andere Art, sie einzubalsamieren." So spricht der greise Akademiker aus Turin. Er höhnt über die verbale Verschleierung des Alterns; er will nicht "Senior" oder "älterer" Herr heißen, nein, er ist ein alter Mann und will so genannt werden. Er verschmäht die Redensarten vom dritten oder vom vierten Alter.

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