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Rezension: Sachbuch : Wenn ihr die wilde Gesellin fragt

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Kein Komponist hat von Anfang an so sehr gerade auch die Nichtmusiker fasziniert wie Richard Wagner: Nietzsche, Baudelaire, Mallarmé, Verlaine, Shaw, Thomas Mann, Ernst Bloch - und nicht zuletzt die Literaturwissenschaftler, Hans Mayer, Peter Wapnewski oder Dieter Borchmeyer. Auch die angelsächsische Wagner-Diskussion ...

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          Kein Komponist hat von Anfang an so sehr gerade auch die Nichtmusiker fasziniert wie Richard Wagner: Nietzsche, Baudelaire, Mallarmé, Verlaine, Shaw, Thomas Mann, Ernst Bloch - und nicht zuletzt die Literaturwissenschaftler, Hans Mayer, Peter Wapnewski oder Dieter Borchmeyer. Auch die angelsächsische Wagner-Diskussion wird eher durch ideologiekritische Auseinandersetzung als durch ästhetische Analyse bestimmt. Diese Form der Wagner-Exegese läßt dabei durchaus an Symptome einer (älteren) Musikwissenschaft denken, die oft weit mehr an Philologie als an Hörerfahrung orientiert war. Wobei allerdings bei den "Berufs-Wagnerianern" die ergriffene Fixierung auf den Komponisten fast eine Art Fanverhalten diagnostizieren läßt, mitunter schier abgöttische Verehrung.

          Auf jeden Fall ist die Wagner-Literatur verschiedenster Ausrichtung in den letzten Jahren wieder gigantisch angeschwollen, droht alles andere zu überfluten - eine regelrechte Wagner-Elbe: als hätte Wagners Flucht aus Dresden nach seiner Teilnahme am Aufstand von 1849 noch nachträglich alle Dämme brechen lassen. Die Fülle der Wagner-Publikationen hat denn auch ihr Bizarres, das Widerspiel von Polemik und Hagiographie sein Reflexhaftes. Gegenüber Wagner, so scheint es, gilt keine kritische Neutralität.

          Zu Recht verweist Dieter Borchmeyer in seinem jüngsten Buch "Ahasvers Wandlungen" auf diese exemplarische Polarisierung; "während wohl kein einziger Anti-Mozartianer existiert". Solche Kanongläubigkeit führt in die Irre. Es gibt sehr wohl prominente Musiker, die mit Bach, Mozart oder Beethoven ihre Schwierigkeiten haben. Für Borchmeyer jedenfalls ist Wagner kaum Objekt der Kritik, und er hat auch keine Hemmung, den auf Wagners Antisemitismus fokussierten Autoren kurzerhand "Flagellantismus" zu bescheinigen. Mögen sich einige amerikanisch-jüdische Wagner-Kritiker recht monoman diesem Thema (Wagner letztlich als Auschwitz-Wegbereiter) widmen, so ist Borchmeyers Apologie auch nicht völlig unbedenklich. In der Tat bleibt es bis heute strittig, ob und wie weit die Beckmesser-Figur der "Meistersinger" in Analogie zum Märchen von "Juden im Dorn" zu sehen ist, auch, wie eindeutig mit ihr Hanslick attackiert werden sollte.

          Aber wenn Borchmeyer, womöglich zu Recht, in Beckmessers verunglücktem "Preislied" eine Karikatur "absoluter" Musik mit ihrer Gleichgültigkeit gegenüber Textdeklamation sieht, dann übersieht er, daß von Wagner damit Mendelssohn, Schumann und Brahms gemeint sein könnten, die er durchaus mit antisemitischen Invektiven bedachte. Natürlich kann man bestreiten, daß der "Siegfried"-Mime eine groteske Juden-Dämonisierung darstellt. Nur: Als Veranschaulichung einiger Typisierungen aus dem "Judentum in der Musik" ist sie zu signifikant, als daß man sie einfach wegwischen könnte.

          Natürlich ist Borchmeyer ein viel zu kluger, kenntnisreicher und philologisch-geisteshistorisch auch origineller Kopf, um sich in solch leicht angestrengten Apologien zu verstricken. Wer sich für Wagner interessiert, wird hier mannigfache motivgenetische und -exegetische Aufschlüsse finden. Daß der Fliegende Holländer eben nicht nur eine Ahasver-Figur ist, wie sie Borchmeyer, nicht ganz zwingend, in Wagners eigener Entwicklung sehen will, sondern sowohl dem romantischen Weltschmerztopos, samt seinem Selbstmordkult, als auch Wagners Selbstbild vom ewig unverstandenen Künstler entspricht, leuchtet ein. Analog überzeugt seine Kundry-Deutung als Pendant zum auf ewig nächtens durch die Wälder reiten müssenden "Wilden Jäger". Und den "Lohengrin" auf Schillers operettenhafte Komödie "Semele" zurückzubeziehen ist immerhin animierend.

          Borchmeyer deckt unerwartete Querverweise in der Oper des neunzehnten Jahrhunderts auf, sieht etwa Smetanas "Verkaufte Braut"-Topos auch im Freia-Deal des "Rheingolds", in der Brünnhilde-Intrige der "Götterdämmerung", selbst als "Verdinglichung der Frau" in den "Meistersingern". Wie vielschichtig vernetzt Wagners Musikdramen untereinander, aber auch im Zusammenhang der Schriften sind, erfährt man hier immer wieder instruktiv.

          Im zweiten Teil des Buches geht es Borchmeyer dann um "Wagners Vor- und Gegenbilder": Goethe, Schiller, Heine, Ludwig II., den verhaßten Bismarck, Nietzsche und den kritischen Spätverfallenen Thomas Mann, auch um den Antipoden Verdi im Spiegel von Franz Werfels "Roman der Oper". Besonders aufschlußreich ist das Grillparzer-Kapitel. Nicht nur erfährt man, daß der österreichische Dramatiker auch komponierte und in seinen Klassizitätsvorstellungen mit Hanslick harmonierte, weshalb er Webers ungebärdige "Euryanthe" mit den wüstesten Schmähungen bedachte: Auch Wagner äußerte seinen Abscheu gegenüber "Euryanthe" voller Affekt. Dabei ist "Lohengrin" ohne deren musikdramatische Explorationen kaum denkbar. Solchen Ambivalenzen hätte Borchmeyer ruhig mehr nachgehen sollen; seine Wagner-Verehrung läßt ihn indes vor Demontage zurückzucken.

          Deutlicher in die politische Dimension wagt er sich vor bei der Würdigung des "enterbten Thronfolgers": Wagners neben Wieland, Wolfgang, Friedelind und Verena verdrängten anderen Enkel: Franz Wilhelm Beidler, der stärker den (früh)sozialistischen Ideen seines Großvaters verhaftet blieb und auf den Verstrickungen Bayreuths ins Dritte Reich beharrte. Mitunter kann man Borchmeyer da bei Widersprüchen ertappen: Die Tendenz, Wagner, sein Werk, seine Nachwirkungen politisch generös zu exkulpieren, ihn als womöglich größte Gestalt des neunzehnten Jahrhunderts zu affirmieren, wird bisweilen skurril gekreuzt von Anmerkungen, die durchaus auf Schattenseiten verweisen.

          Borchmeyer eröffnet sein Buch mit Wagners Bekenntnis zur Philologie. Unter diesem Motto hat es seine Berechtigung und Qualität, die Fülle des Materials wie der Einsichten, die geistesgeschichtlich-textexegetische Darstellung beeindrucken. Doch dabei bleibt es. Allzuviel wirklich Neues erfährt man nicht, und Fragen nach dem Heutigen in Wagner werden nicht gestellt: von Nutzen und Nachteil der Philologie für die Kunst. Ein ästhetischer Diskurs zum kompositorisch-dramaturgisch-theatralischen Zukünftigen, etwa auch in Bayreuth, findet nicht statt. Dabei gehört es gerade zu den stets aufs neue frappierenden Zügen Wagners, daß sein Werk unaufhörlich die Interpreten jeglicher Art um- und antreibt. Davon ist hier nichts zu spüren.

          Dieter Borchmeyer: "Richard Wagner". Ahasvers Wandlungen. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2002. 647 S., geb., 44,90 [Euro].

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