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Rezension: Sachbuch : Wenn ihr die wilde Gesellin fragt

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Borchmeyer deckt unerwartete Querverweise in der Oper des neunzehnten Jahrhunderts auf, sieht etwa Smetanas "Verkaufte Braut"-Topos auch im Freia-Deal des "Rheingolds", in der Brünnhilde-Intrige der "Götterdämmerung", selbst als "Verdinglichung der Frau" in den "Meistersingern". Wie vielschichtig vernetzt Wagners Musikdramen untereinander, aber auch im Zusammenhang der Schriften sind, erfährt man hier immer wieder instruktiv.

Im zweiten Teil des Buches geht es Borchmeyer dann um "Wagners Vor- und Gegenbilder": Goethe, Schiller, Heine, Ludwig II., den verhaßten Bismarck, Nietzsche und den kritischen Spätverfallenen Thomas Mann, auch um den Antipoden Verdi im Spiegel von Franz Werfels "Roman der Oper". Besonders aufschlußreich ist das Grillparzer-Kapitel. Nicht nur erfährt man, daß der österreichische Dramatiker auch komponierte und in seinen Klassizitätsvorstellungen mit Hanslick harmonierte, weshalb er Webers ungebärdige "Euryanthe" mit den wüstesten Schmähungen bedachte: Auch Wagner äußerte seinen Abscheu gegenüber "Euryanthe" voller Affekt. Dabei ist "Lohengrin" ohne deren musikdramatische Explorationen kaum denkbar. Solchen Ambivalenzen hätte Borchmeyer ruhig mehr nachgehen sollen; seine Wagner-Verehrung läßt ihn indes vor Demontage zurückzucken.

Deutlicher in die politische Dimension wagt er sich vor bei der Würdigung des "enterbten Thronfolgers": Wagners neben Wieland, Wolfgang, Friedelind und Verena verdrängten anderen Enkel: Franz Wilhelm Beidler, der stärker den (früh)sozialistischen Ideen seines Großvaters verhaftet blieb und auf den Verstrickungen Bayreuths ins Dritte Reich beharrte. Mitunter kann man Borchmeyer da bei Widersprüchen ertappen: Die Tendenz, Wagner, sein Werk, seine Nachwirkungen politisch generös zu exkulpieren, ihn als womöglich größte Gestalt des neunzehnten Jahrhunderts zu affirmieren, wird bisweilen skurril gekreuzt von Anmerkungen, die durchaus auf Schattenseiten verweisen.

Borchmeyer eröffnet sein Buch mit Wagners Bekenntnis zur Philologie. Unter diesem Motto hat es seine Berechtigung und Qualität, die Fülle des Materials wie der Einsichten, die geistesgeschichtlich-textexegetische Darstellung beeindrucken. Doch dabei bleibt es. Allzuviel wirklich Neues erfährt man nicht, und Fragen nach dem Heutigen in Wagner werden nicht gestellt: von Nutzen und Nachteil der Philologie für die Kunst. Ein ästhetischer Diskurs zum kompositorisch-dramaturgisch-theatralischen Zukünftigen, etwa auch in Bayreuth, findet nicht statt. Dabei gehört es gerade zu den stets aufs neue frappierenden Zügen Wagners, daß sein Werk unaufhörlich die Interpreten jeglicher Art um- und antreibt. Davon ist hier nichts zu spüren.

Dieter Borchmeyer: "Richard Wagner". Ahasvers Wandlungen. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2002. 647 S., geb., 44,90 [Euro].

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