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Rezension: Sachbuch : Wenn Fortuna zweimal klingelt

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Fritz Stern wägt Glück und Unglück in der deutschen Geschichte / Von Ulrich Raulff

          In den Jahren seit 1989 hat Fritz Stern, dessen Studien zum Kulturpessimismus des Fin de siècle, über Bismarcks Bankier Bleichröder und zur deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts längst eine große Leserschaft gefunden hatten, sich dem deutschen Publikum noch einmal in besonderer Weise eingeprägt, als er das glücklich gefundene Wort von der "zweiten Chance" in Umlauf brachte. Am Beginn des Jahrhunderts, so Stern, sei Deutschland "das Land des dynamischen Aufstiegs" gewesen, ein Land, dem die Zukunft zu gehören schien, Ursprung von immensen künstlerischen und wissenschaftlichen Potenzen, Geburtsstätte und Wiege der anbrechenden Moderne. "Es hätte Deutschlands Jahrhundert sein können", lautet ein Ausspruch Raymond Arons, den Stern zustimmend überliefert. Das ist es allenfalls im Bösen geworden. Das Glück, das dem Land damals winkte, hat schon der Erste Weltkrieg zunichte gemacht.

          Erst heute, gegen Ende des Jahrhunderts, sieht Stern eine zweite Chance für Deutschland gekommen (Weimar, so liest man zwischen den Zeilen, hat keine gehabt). Ob es sie diesmal erkennt und zu nutzen versteht, hängt nicht nur von der Weisheit seiner Regierenden ab. Die innere, menschliche Wiedervereinigung muß gelingen, und über sie entscheiden Selbstbewußtsein und Humanität der Bürger. Aber anders als für die Mehrzahl der Zeitgenossen liegt für Stern der entscheidende Prüfstein für demokratische Gesinnung und politischen Bürgersinn nicht im Auftreten Deutschlands in der Welt. Für ihn stellt sich die Frage anders: "Wie behandeln Deutsche Deutsche - die innere Entzweiung hat schon immer außenpolitische Vernunft bedroht. Das Unglück der ersten Chance war die innere Zersplitterung; daran muß man denken, wenn man die zweite Chance wahrnehmen will."

          Kein distanzierter Weltweiser spricht hier über Glück und Unglück in der deutschen Geschichte, sondern ein teilnehmender Beobachter, ein politisch denkender Historiker, ein Zeitzeuge des Jahrhunderts. 1926 in Breslau geboren, 1938 nach Amerika emigriert, ist Stern nicht müde geworden, der dreifachen - deutschen, jüdischen, amerikanischen - Schicksalsgemeinschaft, mit der die Geschichte ihn bedacht hat, nachzuforschen. Vor allem der deutsch-jüdischen Pioniere der wissenschaftlich-technischen Moderne, der Heroen der "zweiten Geniezeit" Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, hat sich Stern - wie schon in früheren Schriften - mit bewundernswerter psychologischer Einfühlung und meisterlicher Porträtkunst angenommen. Aber auch die amerikanische Sicht der deutschen Vergangenheit, die Sterns Essay über hundert Jahre amerikanische Historiographie und Deutschlandforschung einfängt, ist mehr als ein Stück konzentrierter Geistesgeschichte: Wiederum wird eigene Erfahrung sichtbar, erneut gibt sich Lebensgeschichte als Unterfutter der Wissenschaftsgeschichte zu erkennen.

          In der Tat finden sich, diskret verborgen in Zitaten, Parenthesen, Fußnoten, eine Reihe biographischer Fäden, die den Autor mit seinen Figuren verbinden: Einstein und Weizmann hat er selbst gekannt, ebenso Paul Ehrlichs Witwe und Tochter; Fritz Haber stand seinem Vater, Rudolf Stern, nahe (Fritz Stern zitiert aus einem Brief Habers von 1934 an seinen Vater Sätze von visionärer Klarheit, die das Schicksal Deutschlands betreffen). Doch die Meisterschaft des Biographen und Historikers Stern gründet nicht (oder nicht allein) in der existentiellen Nähe zu seinen Figuren. Sie liegt in dem mit großer Zurückhaltung eingesetzten und doch jederzeit spürbaren dramatischen Talent des Historikers, der gelegentlich an das Wort Fernand Braudels erinnert, die Vergangenheit sei ein großes "gesellschaftliches Drama".

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