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Rezension: Sachbuch : Weit geschlossene Tür

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Wer etwas über die Zeitläufte vor der eigenen Existenz wissen möchte, mag ein Lexikon zu Rate ziehen oder im Großen Ploetz nachschlagen. Doch diese Art, Geschichte zu lernen, spart etwas Wichtiges weitgehend aus: die Atmosphäre, den charakteristischen Lebensduft, den das jeweilige Zeitalter mit keinem anderen gemein hat und den nur vermitteln kann, wer ihn in der eigenen Nase spürte.

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          Wer etwas über die Zeitläufte vor der eigenen Existenz wissen möchte, mag ein Lexikon zu Rate ziehen oder im Großen Ploetz nachschlagen. Doch diese Art, Geschichte zu lernen, spart etwas Wichtiges weitgehend aus: die Atmosphäre, den charakteristischen Lebensduft, den das jeweilige Zeitalter mit keinem anderen gemein hat und den nur vermitteln kann, wer ihn in der eigenen Nase spürte. So bietet sich, als Ergänzung der historischen Wissenschaft, eine weitere Art Lehrbuch an, nämlich die Autobiographie.

          Georgia van der Rohe gibt ihren Erinnerungen den Titel "La donna è mobile" und den Untertitel "Mein bedingungsloses Leben". Das klingt recht ichbezogen, und der Titelklang täuscht auch nicht. Aber die Herkunft und die davon bestimmten Daseinskulissen der Autorin lassen ein Vergraben ins beliebig Persönliche nirgendwo zu. Sie hatte derlei erkennbar auch nicht vor. Was immer sie schildert, vervollständigt das zeittypische Große und Ganze durch die Dimension des gelebten Alltags.

          Georgia van der Rohe, geboren 1914 als Dorothea Mies, ist die älteste von drei Töchtern des Architekten Ludwig Mies, der seinen Nachnamen, weil er ihm unattraktiv vorkam, durch den Zusatz van der Rohe schönte. Daraus und aus einem Vornamen, der ihr besser gefiel als der von den Eltern bestimmte, bastelte die Tochter sich später ihr eigenes Etikett. Als Georgia van der Rohe wurde sie Tänzerin, danach Schauspielerin, führte Regie, schuf in älteren Jahren eine lange Reihe erfolgreicher Fernsehfilme über berühmte Repräsentanten der Kunstgeschichte.

          Natürlich spielen auch im historischen Zusammenhang Kunst und Kultur die Schlüsselrollen. Dafür sorgen schon die Prägungen durch die Welt des Vaters, seine Beziehungen zum Dessauer Bauhaus, seine Freundschaft mit Berühmtheiten wie Walter Gropius, Lyonel Feininger, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky. Auch die Mutter Ada, geborene Bruhn, trug dazu bei. Sie entstammte der gesellschaftlichen Elite des kaiserlichen Berlin, im Bruhnschen Salon traf sich seinerzeit die crème de la crème aus Wissenschaft und Kunst. Der junge Mies gehörte in jenen frühen Jahren noch nicht dazu. Ada sorgte dafür, daß sich dies änderte, und trotz elterlichen Mißfallens gab es 1913 eine Hochzeit. Ein Jahr danach kam Tochter Dorothea zur Welt, die sich später Georgia nannte und all die interessanten Anekdoten sammelte, in denen die späten Jahre der wilhelminischen Epoche und die folgenden Dezennien lebendig werden.

          Schon in den Zwanzigern, als Backfisch also, erfuhr Georgia Vor- und Nachteile eines kaum seßhaften Lebens. Mies van der Rohe, ein begnadeter Künstler, aber offenbar ein miserabler Vater, trennte sich von Ada und den drei Töchtern; er mutete seiner Familie sogar zu, daß ihr Unterhalt von seiner Geliebten festgesetzt wurde. Die Mutter zog von Ort zu Ort, Georgia wuchs in Internatsschulen auf, darunter in dem berühmten Institut Salem. Das hatte zur Folge, daß sie - ungeachtet der väterlichen Verweigerung - nicht nur mit Künstlern Kontakt hatte, sondern von nun an auch mit der gesellschaftlichen Hautevolee Europas.

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