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Rezension: Sachbuch : Weil Du ein Genie bist

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Hans Henny Jahnn im Briefwechsel mit Ernst Kreuder Von Heinz Ludwig Arnold

          5 Min.

          "Die einzig mögliche weltliche Lebensform wäre für Geister unserer Art der Geheimbund, etwa in der Art der Orphiker oder der Pythagoräer, die Abgrenzung, der freiwillige Ausschluß aus diesem weltlichen Krämerdasein. Damit wären wir wirtschaftlich unbehelligt, in vielleicht nur bescheidener praktischer Sicherheit, unser Privatleben wäre ein "geistliches', vom Werkhaften her bestimmt." Was Ernst Kreuder am 10. Oktober 1948 in einem Brief als Flucht- und Sehnsuchtsbild schriftstellerischer Existenz entwarf, hatte sein Adressat, Hans Henny Jahnn, annäherungsweise schon in den zwanziger Jahren mit seiner Glaubensgemeinschaft "Ugrino", freilich vergeblich, probiert.

          Der Jammer über die Unerfüllbarkeit solcher Wünsche durchzieht einen Briefwechsel, den die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur jetzt herausgegeben hat: Er vermittelt Einblicke in Besorgnisse und Bedürfnisse, in weniger literarische als literaturpolitische Überlegungen und in die besondere psychische Verfassung zweier früher Akademie-Mitglieder: beides markante, urwüchsige Prototypen der Spezies "Autor', Monomanen, auch des Klagens. Der Briefwechsel ist sorgfältig ediert und zufriedenstellend kommentiert von Jan Bürger, der auch an der großen Ausgabe der Briefe Hans Henny Jahnns mitgearbeitet hat. Zuweilen wundert man sich ein wenig über das, was erklärt wird und was unerklärt bleibt. Aber das mindert den Erkenntniswert dieses in Teilen spannenden Briefwechsels aus den Gründerjahren der westdeutschen Bundesrepublik nicht.

          Man kennt das seit je: Wo Schriftsteller zusammentreffen, wird über Geld geredet, über Verleger geschimpft, über den Absatz des eigenen Werkes gejammert. Kreuder: "Seit Monaten sind in Deutschland die Buchhandlungen so gut wie verödet. Die Leute kaufen Lebensmittel, Kleider, Schuhe, Hausgerät, was es ein Jahrzehnt nicht mehr gab." Verständlich nach der Währungsreform, zumindest damit erklärbar. Aktuell bis heute der Befund: ",Gängige' Literatur geht gerade noch, die Outsider, die bedeutenden Erzähler haben allerhöchstens eine Auflage von 4000 bis 5000." Gemeint waren freilich die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten - doch gesetzt wurde damit auch der Rahmen, in dem die eigene Misere und die eigene Bedeutung unterzubringen waren.

          Die eigene Bedeutung bricht sich nicht selten im Spiegel der Eitelkeit. Aber hier geht es nicht um die Minderung literarischen Ranges oder historischer Größe, wie sie von den Dünungen des Zeitgeistes jeweils markiert werden. Interessant ist, wie ein Mensch seine Bedeutung vermittelt, etwa im folgenden Wechselgespräch der beiden. Kreuder am 13. 8. 1949: "Weil Du ein Genie bist, ein dichterisches Jahrhundertwunder, wirst Du stets für die Lauen, die Geschäftstüchtigen, die Glatten, die "Fortschrittlichen' zumindest unbequem, wenn nicht ein rotes Tuch bleiben."

          Darauf Jahnn am 25. 8. 1949: "Gustaf Gründgens hat mir einen sehr freundlichen Brief geschrieben. Auch er hält mich für ein "Genie'. Ob bei der Lage in Deutschland für mich etwas zu machen sei, kann er nicht erkennen... Mein neues Drama ("Spur des dunklen Engels') ist in der Sprache, im Aufbau unangreifbar. Aber ein Genie auf der Bühne!" Kreuder am 15. 6. 1950: "Die deutsche Nachkriegsliteratur, dort wo sie überhaupt auf europäische Geltung zählen kann, ist weiß Gott, was die Namen anbelangt, an einer einzigen Hand abzuzählen, ich denke, daß Du und ich dazugehören - und wer kümmert sich um unsere Lage?"

          Da dies niemand, jedenfalls nicht in ausreichendem Maße, besorgt (Jahnn: "die Kritik verschweigt jede wirkliche Größe, indem sie sie seziert"), müssen sich die Freunde wechselseitig loben und erheben, was zu manchmal komischen Wechselreden führt. Da bittet Kreuder Jahnn, für die Werbung "einen einzigen, "lapidaren', "fulminanten' Satz über (meinen) Roman Die Unauffindbaren zu schreiben"; und kündigt im selben Brief eine Rezension über Jahnns "Holzschiff" an. Als Jahnn ausweicht: "Du hast mich um einen einzigen fulminanten Satz gebeten. Ich habe im Geiste viele bewegt" (aber keinen gefunden - statt dessen kündigt er einen großen Artikel über Kreuder an, der nie erscheint), repliziert Kreuder postwendend, er sei "im "Holzschiff' einfach steckengeblieben. Ich las überhaupt keine Romane mehr, sondern wochenlang nur noch Detektivgeschichten, Schundhefte, und ich las sie mit großer Spannung." Kleinigkeiten, gewiß, aber sie lassen hinterm Werk deren "Produzenten' erkennen, in der "weltlichen Lebensform", in die auch das größte (und auch das eingebildete) Genie gebannt ist, und nicht selten beglaubigt die Wahrnehmung gerade dieser Seite des Autors sein Werk.

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