https://www.faz.net/-gqz-6pudo

Rezension: Sachbuch : Wege aus der Geschichtsfalle

  • Aktualisiert am

Die Irritationen über die gegenwärtige israelische Politik in der öffentlichen Meinung der Bundesrepublik haben zugenommen. Auch jene, die dem Staat das grundsätzliche Recht zur Selbstverteidigung zugestehen - und vor allem in Zeiten der terroristischen Bedrohung - haben in diesen Tagen zuweilen Mühe, sich zu mehr als sehr gedämpfter Solidarität aufzuraffen.

          2 Min.

          Die Irritationen über die gegenwärtige israelische Politik in der öffentlichen Meinung der Bundesrepublik haben zugenommen. Auch jene, die dem Staat das grundsätzliche Recht zur Selbstverteidigung zugestehen - und vor allem in Zeiten der terroristischen Bedrohung - haben in diesen Tagen zuweilen Mühe, sich zu mehr als sehr gedämpfter Solidarität aufzuraffen. Durch das Internet und die Presse gingen Fotos, die möglicherweise (die genaue Analyse der Bildstrecke bleibt abzuwarten) die Liquidierung eines bereits gefangenen und wehrlos gemachten Palästinensers durch israelische Soldaten zeigen. Muß man sich schämen, wenn man sich zu diesen Irritationen bekennt? Ja - so verkündet es fast täglich die "Welt" aus dem Hause Springer. Nein - dies jedenfalls glaubt Michael Wolffsohn, der vielfach mit Veröffentlichungen zur deutsch-jüdischen Geschichte hervorgetretene Historiker, der an der Hochschule der Bundeswehr lehrt. Wolffsohn ist es gelungen, ein strukturelles Muster der deutsch-jüdischen und deutsch-israelischen Beziehungen zu analysieren und damit, so jedenfalls möchte man hoffen, zur Entzerrung in der gegenseitigen Wahrnehmung beizutragen. Seine These klingt auf den ersten Blick paradox: Deutschland und die jüdische Welt hätten die jeweils richtigen "Lehren aus der Geschichte" gezogen - und sich genau damit voneinander entfernt. Dies gelte vor allem für das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel. Wolffsohn sieht es in einer Krise, die nicht von heute und nicht von gestern stammt. Die "politische Chemie" stimme nicht, obwohl die Pflege guter Beziehungen zur Staatsräson der Bundesrepublik gehört. Lernprozesse hat es auf beiden Seiten gegeben, aber sie sind in gegensätzliche Richtungen verlaufen. Nation und Nationalstaat gehören in Israel unangefochten zu den höchsten Werten, durchaus plausibel und rational vor dem Hintergrund der Verfolgungsgeschichte des vergangenen Jahrhunderts. Die meisten Deutschen dagegen, so Wolffsohn, bekämen schon bei der bloßen Erwähnung nationaler Interessen eine Gänsehaut - auch dies "geschichtlich" verständlich. Und weiter: Während in Deutschland die Trennung zwischen Kirche und Staat voranschreitet - man denke an das letzte Urteil zu Kreuzen in bayrischen Schulen -, gehöre die Verflechtung von Politik und Religion in Israel "zu den eisernen Grundsätzen des Gemeinwesens". Mehr noch: Der "religiös-politische Komplex" werde im gegenwärtigen Israel sogar mächtiger. Schließlich ist es gute zionistische Tradition, gerade dieses Land und seinen Boden zu lieben, während sich in Deutschland nervöse Erinnerungen an "Blut und Boden" einstellten ("Geschichte als Falle". Deutschland und die jüdische Welt. Hrsg. von Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher. Ars una Verlag, Neuried 2001. 322 S. br., 39,- EUR). Wolffsohn ist ein streitbarer Intellektueller, der nicht zum ersten Mal den Konsens der Bundesrepublik aufstört. Man könnte zu seiner Bestandsaufnahme des geistig-politischen Auseinanderdriftens noch hinzufügen, mit welcher Unbefangenheit in Israel etwa demographische Fragen erörtert werden, und sie mit den hiesigen Verlegenheiten vergleichen. Wolffsohn erkennt das historische Recht dieser Entwicklungen, aber er hält sie für Politikblockaden. Vom Israel Scharons, Netanjahus und Begins glaubt er, daß es weder den Frieden im Nahen Osten noch eine entspannte Deutschland- und Europapolitik gestalten könne. Zu Deutschland und Israel sieht Wolffsohn aber noch einen dritten Akteur treten, die nichtreligiösen Juden der Vereinigten Staaten, die sich inzwischen ihrer Identität vor allem über die "Holocaust-Geschichtsfixierung" vergewissern könnten: Sie nähmen das "neue Deutschland der Bundesrepublik eigentlich immer noch als das alte, nationalsozialistische und strukturell judenmörderische wahr". Gewiß muß man auch hier differenzieren: Eine Kulturzeitschrift wie "Commentary", vom "American Jewish Comittee" herausgegeben, ist oft erkennbar um Fairneß bemüht; ähnlich der New Yorker "Forward". Aber mit seiner Diagnose, daß die Erinnerung als alleinige Geschichtsfixierung zur politischen Falle wird, könnte Wolffsohn recht behalten.

          LORENZ JÄGER

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gespannte Grüne: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Bundesvorsitzender Robert Habeck beim politischen Aschermittwoch im Februar.

          „Deutschlandtrend“ : Grüne laut ARD-Umfrage vor Union

          In der jüngsten „Deutschlandtrend“-Umfrage liegen die Grünen bei 26 Prozent. Die Union verlor verglichen mit einer Umfrage aus dem April dagegen vier Prozentpunkte und kommt derzeit auf 23 Prozent.
          Redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Der frühere Nationaltorhüter Jens Lehmann.

          Rassismus und Moral : Lehmann und Aogo

          Erst fliegt Jens Lehmann eine rassistische Nachricht um die Ohren, dann setzt es bei Dennis Aogo aus. Das sorgt für eine Kaskade der Aufregung. Was steht an deren Ende?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.