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Rezension: Sachbuch : Was, mon Dieu, zirkuliert denn hier?

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Dorothee Baxmann rechnet mit Condorcet gegen Foucault / Von Gustav Falke

          3 Min.

          Das Unbefriedigende an dem Buch ist seine These. Übersichtlich in der Gedankenführung, besonnen im Abwägen der Forschungsliteratur, leserfreundlich im Aufbereiten von Hintergrundwissen und ganz und gar unprätentiös stellt Dorothee Baxmann dar, wie Condorcet in der Zusammenarbeit mit dem turgotschen Reformministerium ökonomische und politische Erfahrungen machte, die in seine Bemühungen um neue Strukturen des Wissens eingingen, wie diese Bemühungen mit der Französischen Revolution ein breites Wirkungsfeld erhielten, direkt in der Bildungsreform, indirekt in neuen Institutionen der Kunst, wie die Geschichtsphilosophie, für die Condorcet in Deutschland vor allem bekannt ist, als Fundament des art social zu lesen ist und wie die neuen Institutionen der Kunst zweideutig ins neunzehnte Jahrhundert schauen, mit den Revolutionsfesten und der Hauptstadtplanung zur Propaganda, im Museum zum l'art pour l'art tendieren. Wer unwillig ist, Condorcet selber zu lesen, bekommt einen reichen Überblick, und wer Freude daran hat, etwas zu lernen, erfährt dieses und jenes über den Getreidehandel im Ancien Régime, den Louvre, die Konservatorien oder das französische Schulsystem.

          Aber wissenschaftliche Arbeiten sollen auch etwas behaupten, außerdem, im Falle einer Habilitation, die Gutachter erfreuen und die Fakultät nicht verärgern. So behauptet denn Baxmann, dass Foucault Unrecht hatte. Am Beispiel von Condorcet könne gezeigt werden, wie Begriffsfelder von einem Diskurs in einen anderen übertragen werden und einfließen in neue Institutionen des Wissens, die ihrerseits Bedingung sind für neue diskursive Formationen. Condorcets systemtheoretisches Verständnis des Wissens gehe nämlich, durch Turgot vermittelt, zurück auf die physiokratischen Forderungen nach freiem Kreislauf der Waren und dem Ausbau der Verkehrswege. Die Physiokraten wiederum orientieren sich am Modell des Blutkreislaufs. Die Zirkulation, und das ist die alle fünf Seiten mehr oder weniger wortgleich wiederholte These, liefert eine Anschauungsform, die von der Naturwissenschaft in die Ökonomie und von der Ökonomie in die Bildungs- und Kulturpolitik wirkt.

          Zirkulation ist eine Metapher. Wenn man Metaphern genügend unscharf ansieht, weisen sie auf irgendwelche Ähnlichkeiten hin. Sicher. Allerdings müssen die dann expliziert werden. Was zirkuliert denn da im Falle des Wissens? Beim Tagungsjetset erst einmal nur die Flugzeuge. Bücher mögen ihr Geld wert sein, und für ein Forschungsvorhaben kann einer Stipendien bekommen. Aber hat deshalb alles Wissen Warenform? Und muss man immer alles gleich veröffentlichen, zirkuliert das Wissen nur, wenn Ausstellungen so voll sind, dass man sich in ihnen nicht mehr bewegen kann?

          Nun zieht die Autorin zwar Linien zu den Neuen Medien, aber die Arbeit bleibt eine historische, und da scheint das Referat auch ungeprüfter Äußerungen auszureichen. Condorcet selbst hat schließlich das Zirkulationsmodell von der Ökonomie auf die Bildung übertragen. Nur stimmt das überhaupt nicht. Ganz nebenbei redet er von Zirkulation. Die Physiokraten benutzen das Bild, aber von ihnen redet wiederum Baxmann nicht. Condorcet will Öffentlichkeit schaffen, Privilegien abbauen, Institutionen vereinheitlichen und zentralisieren. Öffentlichkeit und der Abbau von Privilegien haben irgendwie etwas mit dem freien Markt zu tun, Vereinheitlichung und Zentralisierung schon weniger. Die Insistenz auf der Metapher hängt, durch die Kette der Negation verbunden, viel zu fest an Foucault. Aber selbst wenn sich zeigen ließe, dass Condorcets Bildungspolitik auf ökonomische Modelle zurückgreift, müssten andere Denkungsarten angeführt und Punkte gezeigt werden, an denen die Entscheidung für das ökonomische Modell praktische Konsequenzen hat.

          Nein, die Arbeit ist ganz einfach im Rahmen eines Sonderforschungsbereiches zum Zusammenhang von Formen des Wissens und Anschauungsformen der Literatur entstanden. Was nicht heißt, dass die Autorin keine eigenen Interessen hätte. Sie referiert zwar. Aber indem sie an den autoritären Zügen der Zentralisierung oder an der Psychologie des Priesterbetruges vorsichtig Kritik andeutet, offenbart sie auch ihre Sympathie für andere Seiten, die Kommunikativität, die Chancengleichheit, kurz: das unvollendete Projekt der Aufklärung. Allerdings sei heute an die Stelle des Systems objektiv verbindlicher Äußerungen ein Pluralismus von Werten, Bedeutungen und Lebensformen getreten. Das ist in einem für die Arbeit relevanten Sinne falsch. Eine Partei erweist sich dadurch als die siegende, dass sie in Fraktionen zerfällt. Dem Universalismus der Aufklärung antwortet sofort ein aufklärerischer Partikularismus, den Anwälten der Einheit stehen Verteidiger der Vielheit gegenüber; zur Französischen Revolution gehört Burke, zu Kant Herder.

          In linearer aufklärerischer Geschichtsphilosophie stellt Baxmann, etwa in der Frage der Liberalisierung des Getreidehandels, den korporatistischen Geist als finsteres Mittelalter hin, als wäre das demokratisierende Element der ständischen Opposition überhaupt nicht in der Diskussion. Und wenn die Provinzakademien gegen vereinheitlichende Pariser Direktiven im Namen gewachsener Strukturen protestieren, gilt das als vorgeschoben aus bloßem Privatinteresse. Baxmanns Geschichte der französischen Revolutionierung von Bildung und Kultur ist jakobinisch. Die Girondisten haben kein Rederecht. Dennoch lohnt die Lektüre, weil sie in der Nacherzählung ein Gefühl für das Ausmaß und die Folgen der Veränderungen gibt, aus denen wir am Ende leben, und sei es, weil Humboldt und die Frühromantiker von Paris gelernt haben.

          Dorothee Baxmann: "Wissen, Kunst und Gesellschaft in der Theorie Condorcets". Sprache und Geschichte, Band 25. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1999. 412 S., geb., 88,- DM.

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