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Rezension: Sachbuch : Was ist eigentlich urkomisch?

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Erforscht die Wissenschaft den Humor, wachsen den Witzen Bärte

          4 Min.

          Abseits der philosophischen Hauptdurchgangsstraßen steht das Komische, nicht bestellt, nur selten abgeholt, und wenn doch, dann allzuoft von Akademikern, die mit der Frivolität ihres Tuns kokettieren und einen schnurrpfeiferischen Ton anstimmen, als spekulierten sie auf einen Orden wider den tierischen Ernst. Aber angestrengte Heiterkeit ist nicht ansteckend, sondern ermüdend und auf Dauer nervtötend.

          Dem Irrtum, daß Analysen des Komischen witzig zu sein hätten, ist offensichtlich auch Peter L. Berger, Professor an der Boston University, erlegen. In seinem Buch "Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Erfahrung" beschäftigt er sich mit anthropologischen, soziologischen, philosophischen und theologischen Aspekten des Humors, und er hat es mit einer Unmenge scherzhafter Bemerkungen gespickt. "Barock formuliert: die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten ist der Kreis", schreibt er zum Beispiel. "Am Ende, wenn man dort angekommen ist, wird man lachen." Aber worüber?

          Nachdem er eine Bemerkung von Hegel über das Wesen der Komödie kommentiert hat, fährt er fort: "Es ist bekannt (wenn auch vielleicht bedauerlich), daß viele Leute bereits nach einem geringen Quantum Hegelscher Prosa dringend etwas comic relief (oder komische Auflösung) brauchen. Und wenn wir schon von der Widersprüchlichkeit als einer zentralen Kategorie philosophischer Betrachtung des Komischen reden, können wir uns eigentlich dem Elefanten zuwenden . . ." Darauf folgt eine langatmige Zote, in deren Mittelpunkt der mißglückende Geschlechtsakt zwischen einem Elefanten und einer Maus steht. Die Passage ist typisch für Bergers Verfahren: Er zitiert Platon, Erasmus, Kant, Hegel, Freud, Pascal oder Huizinga und zieht banale Schlußfolgerungen ("Das Komische als Phänomen muß vom Spiel unterschieden werden. Doch hängen beide zusammen"), bevor er unvermittelt wieder in die Rolle eines quirligen, zu Scherzen aufgelegten Conférenciers wechselt und einen weiteren, zumeist beeindruckend bärtigen Witz zum besten gibt.

          Der Unterhaltungswert des Buchs ist so mäßig wie der intellektuelle Gewinn, den seine Lektüre abwirft. Berger führt glaubwürdige Beweise dafür an, daß es - hört, hört - sowohl gutmütigen als auch zynischen Humor gibt, und wer es noch nicht weiß, kann hier lernen, daß die Erfahrung des Komischen einerseits universell und andererseits historischen Wandlungen unterworfen ist.

          Wenn sein Buch aber doch einmal interessant zu werden droht, schweift Berger mit der Nonchalance einer Plaudertasche, die gar nicht so genau wissen möchte, worüber sie spricht, alsbald wieder vom Thema ab: "Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert kam es, aus welchen Gründen auch immer, zu einer hektischen Steigerung des Interesses am Komischen in ganz Europa . . ." Das hätte man dann aber doch gerne gewußt, was das wohl für Gründe gewesen sein sollen. Man wird sie, wenn einem der Traum von ihnen nicht bereits genügt, bei Berger nicht erfragen können. Daß er dafür ein paar wohlfeile Seminarbegriffe wie "Homo ridens", "Homo ridiculus", "sozio-negativer Humor" und "makrosoziologische Komikkulturen" aufzusagen weiß, ist auch kein Trost.

          Am Ende seines Werks ("Auf dem Weg zu einer Theologie des Komischen") hat er dann doch Brille und Pappnase abgenommen. Denn nun wird er schwülstig: "Solange der moderne Mensch noch über sich lachen kann, wird seine Entfremdung von den Zaubergärten früherer Zeiten nicht vollständig sein. Die neue Wahrnehmung des Komischen mag die Achillesferse der Modernität sein und ihre mögliche Rettung."

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