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Rezension: Sachbuch : Was ist Bonaldismus?

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Originelles Völkchen, diese Konterrevolutionäre: Robert Spaemann zeigt, dass die ursprüngliche Einsicht in die Wirklichkeit den großen Zerstörern gefehlt hat

          Ursprungsfragen sind keine historischen. Am wenigsten für die Ideengeschichte. Komplexe Sachverhalte, wie es ganze Disziplinen sind, lassen sich kaum je auf einzelne Autoren oder Zeitpunkte zurückführen. Die These im viel zitierten Titel des vorliegenden Buches - seine erste Auflage erschien vor vierzig Jahren - wird deshalb auch nicht von anderen Ursprungserzählungen der Soziologie berührt. An solchen Geschichten herrscht fürwahr kein Mangel. Die Anfänge des Faches werden in der englischen Moralphilosophie gesucht, in den sozialtechnologischen Phantasien der Saint-Simonisten, in der amerikanischen Sozialarbeit oder einfach in Emile Durkheims "Teilung der sozialen Arbeit". Je nach regionalem Geschmack lassen sich Quellen soziologischen Denkens im Historismus und Neukantianismus, in der Sozialreportage oder im realistischen Roman ermitteln.

          Dabei versteht es sich, dass jeder dieser Quellbefunde einen anderen Begriff von Soziologie voraussetzt. Interessant ist insofern weniger, ob Spaemanns Ursprungsbestimmung nun der historischen Forschung zur Sozialwissenschaft im neunzehnten Jahrhundert standhält. Als Beitrag hierzu war sie kaum gemeint. Interessant ist eher, was der Autor 1959 wohl unter Soziologie verstand, um ihren Ursprung bei einem französischen Gegenrevolutionär, dem Vicomte de Bonald, finden zu können.

          Für Spaemann entsteht die Soziologie dort, wo sich der blinde Fleck der europäischen Aufklärung und ihrer Sozialphilosophie zeigt. Die Erkenntnischancen, die im Begriff der Gesellschaft liegen, gehen nach 1789 zunächst an konservative, der Revolution gegenüber distanzierte Autoren über. Denn die Anhänger des Umsturzes hatten sich begreiflicherweise eher mit den Schwachpunkten als mit den Strukturen der sozialen Ordnung befasst. Wer eine Wohnung stürmen will, studiert nicht zuerst alle ihre Zimmer. Außerdem trugen sie ihre Ansprüche zumeist in einem humanistischen Vokabular vor. Der Mensch, die Natur, das Volk - solche zeitenthobenen Singulare waren eher Werte und Gedanken als Befunde. Autoren wie Edmund Burke, Friedrich Gentz und eben auch Louise-Gabriel-Ambroise de Bonald reagierten hierauf mit Ideologiekritik.

          Die Gesellschaft, so der Franzose, bestehe nicht aus Menschen, sondern aus Ständen, Korporationen und Familien. Nicht durch Verträge, Markt und Ausübung von Rechten, also kraft seines Willens, trete das Individuum in sie ein, sondern über Erziehung, Religion und Erfüllung seiner Pflichten, also kraft seiner Abhängigkeit. Wer schließt schon Kontrakte mit seiner Amme? An die Stelle der humanistischen Grundbegriffe treten deshalb soziale. Für den Katholiken Bonald ist es kein banaler Nebenbefund, dass es mehr als nur einen Menschen gibt. Man darf in der Theorie der Gesellschaft nicht mit isolierten Einzelnen beginnen. Den Konservativen fiel auf, dass die Revolution viel weniger geändert hatte, als beabsichtigt war. Ihre Erwartungen blieben abstrakt. Die Gesellschaft zu ändern, das ist eben nur in der Gesellschaft möglich, nicht aber von einem unbeeinflussten Punkt aus. Der Zweifel an der Tradition findet innerhalb ihrer Vorgaben statt. Man kann deshalb nicht alles zugleich bezweifeln. Vor allem nicht die Sprache, in der man seine Zweifel artikuliert.

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