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Rezension: Sachbuch : War die SA vielleicht eine Trachtengruppe?

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Hitler hielt nicht viel von deutschen Professoren. Wenn man ihnen die Welt überließe, meinte er, würden sie die Menschheit in lauter Kretins mit Riesenköpfen verwandeln. Hitler mußte seine Abneigung mäßigen, schließlich brauchte er Chemiker, Physiker, Biologen und Techniker. Auch Historiker und überhaupt ...

          Hitler hielt nicht viel von deutschen Professoren. Wenn man ihnen die Welt überließe, meinte er, würden sie die Menschheit in lauter Kretins mit Riesenköpfen verwandeln. Hitler mußte seine Abneigung mäßigen, schließlich brauchte er Chemiker, Physiker, Biologen und Techniker. Auch Historiker und überhaupt Kulturwissenschaftler benötigte er, da der Nationalsozialismus eine Anzahl historischer Thesen voraussetzte. Da er überdies eine einheitliche deutsche Weltansicht bieten wollte, waren Philosophen gefragt, die allen Fachvertretern zu erklären hatten, was jetzt an der Zeit sei.

          Dies war die Stunde derjenigen deutschen Denker, die schon länger mit dem "System" von Weimar gehadert und unter der Zerrissenheit des modernen Lebens gelitten hatten. Einige Philosophen hatten versucht, die Erfahrung des Weltkriegs zu durchdenken, sie hatten den Relativismus und Historismus "überwunden" und das Ende des Individualismus und Subjektivismus proklamiert; sie hatten das "Volk", die "Gemeinschaft" und die Gefährdetheit der Kultur entdeckt. Sie verkündeten nun, ein Zeitalter sei zu Ende gegangen; sie meldeten ihre Kompetenz an, die Gegenwart zu deuten und in die Zukunft zu weisen. Einige bildeten sich ein, sie könnten den Führer führen.

          Der berühmteste dieser Weltweisen war Heidegger; seine Bekenntnisse zum Nationalsozialismus und seine Bemühungen, die Universität Freiburg, deren Rektor er 1933 wurde, nationalsozialistisch umzubauen, haben das Interesse von Historikern und Philosophen mehrfach auf sich gezogen, nachdem Habermas schon in den fünfziger Jahren in dieser Zeitung auf sie hingewiesen hatte. Auch andere bekannte Autoren wie Gehlen und Bäumler, Krieck oder Spranger wurden teils wegen ihrer "Verstrickung" angeklagt oder verteidigt. Eine flächendeckende Untersuchung der Universitätsphilosophie gab es nicht. Diese Lücke füllt nun das monumentale Werk von Christian Tilitzki. Er widmet sich den mittleren und kleinen Geistern; er registriert mit Akribie die philosophisch-politischen Positionen der Ordinarien und der Dozenten in allen philosophischen Seminarien der deutschen Universitäten. Für die Zeit nach 1938 bezieht er auch Österreich und Prag in seine Untersuchung ein. Unter der richtigen Voraussetzung, eine historische Untersuchung könne nicht erst mit 1933 einsetzen, sondern müsse von der intellektuellen Situation der Weimarer Zeit ausgehen, hat Christian Tilitzki die erste umfassende Geschichte der deutschen Philosophie von 1919 bis 1945 geschrieben.

          Es gab Vorarbeiten für verwandte Disziplinen und biographische Studien zu einzelnen Autoren; es gibt die bedeutenden Arbeiten von Helmut Heiber über Walter Frank (bereits 1966 mit erheblicher Aktenkenntnis) und dessen Bände über die Universität unter dem Hakenkreuz. Tilitzki hat die vorliegende Literatur minutiös aufgearbeitet; sein Werk eröffnet ein neues Stadium der Forschung und Darstellung. Auch wer die Akzente anders setzt, muß in Zukunft von diesem Standardwerk ausgehen.

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