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Rezension: Sachbuch : Wanderers Datenbank

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Lesen, Clicken, Surfen: "Der junge Goethe in seiner Zeit" als Mediensynthese von Buch und CD-ROM / Von Lothar Müller

          Es gibt den "jungen Goethe" als Separatfigur mit einer eigenen Werkausgabe seit der dreibändigen, von Michael Bernays eingeleiteten Sammlung "Briefe und Dichtungen von 1764 bis 1776", die im Jahre 1875 erschien und den Charakter eines Lesebuchs für Liebhaber hatte. Als Max Morris zwischen 1909 und 1912 in sechs kommentierten Bänden dem "jungen Goethe" ein größeres, über einem philologischen Apparat errichtetes Podest baute, geschah das in leiser Konkurrenz mit der großen Weimarer Gesamtausgabe, die im Jahre 1919 zum Abschluß kam. Darin folgten die Herausgeber der noch zu Lebzeiten des Autors erschienenen "Ausgabe letzter Hand". Morris setzte dazu den Kontrapunkt. Sein Unternehmen war Teil der zeittypischen Freilegung von Ursprüngen alles Klassischen. Es konzentrierte den Blick auf Goethe vor Weimar, auf das Genie als jungen Mann noch ohne Amt, auf den Wanderer im Sturm und Drang, der noch nicht angekommen war. Die Ausgabe war an Gelehrte und Liebhaber adressiert und erschien im Insel Verlag, in Nachbarschaft zur literarischen Moderne. Der nach dem zweiten Weltkrieg entstandene, bis heute philologisch maßgebliche "junge Goethe" von Hanna Fischer-Lamberg, zwischen 1963 und 1974 als Fundament der nie zu Ende geführten "Akademie-Ausgabe" erarbeitet, hat diesen Doppelcharakter nicht mehr. Er ist ein verläßliches Forschungsinstrument.

          Je genauer sich die Philologie des jungen Goethe annahm und je mißtrauischer sie gegenüber Begriffen wie "Erlebnisdichtung" und "Ausdruck" wurde, desto weniger blieb vom eruptiven Originalgenie, das seine Verse dem Wind ablauscht, der ihm um die Ohren pfeift. Längst ist der vorgeblich spontan produzierte "Halbunsinn" in "Wanderers Sturmlied" als kunstvolle Konstruktion gelehrter Anspielungen durchschaut. Die scheinbare Unmittelbarkeit des Gefühls im "Werther" gab sich als Effekt avancierter Rhetorik zu erkennen, die sich im Spiel mit den Ritualen der Empfindsamkeit als Sprache der Natur maskierte. Der "junge Goethe", der jetzt, wiederum im Insel-Verlag, den Rückweg von der Hochleistungsphilologie zum Publikum sucht, hat diese Revision der Mythologie des Originalgenies hinter sich. Darin und in Anlage, Umfang und Verläßlichkeit des Kommentars gleicht er seinem unmittelbaren Vorgänger, den Gerhard Sauder, ebenfalls in zwei Bänden, allerdings ohne Briefauswahl, im Rahmen der chronologisch konzipierten "Münchner Ausgabe" des Hanser Verlages im Jahre 1985 vorlegte. Die entscheidende Differenz liegt in der medialen Darbietungsform: Dieser neue "junge Goethe" kommt als programmatische Synthese der Medien Buch und CD-ROM daher.

          Die Beschleunigung der Rechengeschwindigkeit hat die Computer von ihren Ursprüngen als Rechenmaschinen immer weiter emanzipiert und sie zu Bildmedien werden lassen, die das Angebot der Fernseher und Videorecorder ergänzen. Die hier den Büchern zugeordnete CD ist demgegenüber konsequent als Speichermedium vor allem der Schrift aufgefaßt. Sie enthält außer ein paar Zeichnungen, Handschriftenfaksimiles und Porträts von Zeitgenossen kaum grafische Elemente. Weder lesen Schauspieler Gedichte vor, noch werden Kunstwerke, Lebensstätten oder Interieurs aufwendig ins Bild gesetzt. Der Welt der Computerspiele kehrt diese CD den Rücken zu, um alle Kapazitäten auf die "platzsparende Vorratshaltung von größeren Textmengen" zu verwenden. Diese Aufgabenbestimmung kommt nicht von ungefähr. Sie ist aus den Leitbegriffen dieser Ausgabe abgeleitet: "Kontext" und "Intertextualität". Goethe im Kontext - das bedeutet die Multiplizierung der Textmenge, die Ergänzung seiner Schriften und Briefe durch die seiner Freunde, Rivalen, Kritiker und Vorbilder. Goethe intertextuell - das bedeutet die Installierung von Erschließungsprogrammen, die den Verweisungszusammenhang der vielen Texte untereinander schnell und erschöpfend sichtbar machen. In der CD-ROM, die den Buchtext entgrenzt, findet die Philologie im Zeitalter der "Intertextualität" endlich das ihr angemessene Medium für das "Suchen, Verknüpfen, Nachschlagen und ,Surfens'" über die Oberfläche und durch die Tiefen der Universalbibliothek. Darum stellt die CD nicht nur nach dem Modell der "Materialienbände" Zusatztexte zu den Werken des jungen Goethe. Sie enthält den gesamten Buchtext des "jungen Goethe" noch einmal, um aus einem konservierenden Archiv zum allseitig aktivierbaren Arbeitsspeicher werden zu können.

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