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Rezension: Sachbuch : Wanderers Datenbank

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Zum "Kontext" von Goethes "Werther" gehören ohne Zweifel die Briefromane von Samuel Richardson und Jean-Jacques Rousseau und ihre deutschen Nachahmer. Die CD bietet Auszüge aus Richardsons "Pamela" und Rousseaus "Nouvelle Héloise", aus der mit Bedacht Briefe zum Thema Selbstmord ausgewählt sind. Zum "Kontext" dringt auf diesem Weg nur vor, wem bewußt bleibt, daß hier nur zum Schein vom Ganzen auf das repräsentative Detail "gezoomt" wird. Denn ehe dieses Ganze in der Lektüre des Romans entsteht, bleibt der per Mausklick auf den Einzelbrief hergestellte Kontext Fiktion. Ihm fehlt die eine Dimension, die Differenz zwischen dem schlanken, in monologischer Intensität der Katastrophe zustrebenden "Werther", der sich an einem Abend verschlingen läßt, und den mehrstimmigen voluminösen Briefromanen Richardsons und Rousseaus, deren Bündnis mit der Leidenschaft er zugleich beerbt und überbietet.

Der hier angebotene "Kontext" des jungen Goethe ist in seinen Umrissen von den Interessen der Herausgeber geprägt. Poetologische und literarische Texte der Zeitgenossen aus Lyrik, Drama und Epik liegen ihnen offenkundig näher als Theologie und Alchemie, Medizin und Jura. So ist die Theorie des Genies stark, die der Melancholie nur am Rande vertreten, der empfindsame Brief stärker als die Debatten zum Kindsmord. Aber nicht diese oder jene Schwerpunktsetzung ist problematisch, sondern der schwankende Status, den der "Kontext" insgesamt dadurch hat, daß er weitgehend auf der B-Ebene angesiedelt ist, wo Texte eher durchsucht als gelesen werden. Darum funktioniert die Entgrenzung der Bücherwelt durch die CD-ROM nur dort, wo ihr die Kompensation der Mängel elektronischer Textdarbietung durch das Buch entspricht. Diejenigen Benutzer dürften am meisten von der CD haben, die als Leser nicht auf sie angewiesen sind.

Ein Schlüsselsatz im Herausgeberkommentar dieser Mediensynthese zieht daraus die Konsequenz: "Domäne des Buches bleibt weiterhin das Lesen im klassischen Sinn." Doch gilt dieses Privileg im Rahmen dieser Ausgabe eben nur für die Texte des jungen Goethe selbst. Im übrigen zollt dabei die "Buchkomponente" unverkennbar dem elektronischen Medium Tribut. Wie die CD-ROM sind die beiden Textbände als Abzweigung aus dem Textverarbeitungssystem entstanden, das über Laserausdrucke die Reprovorlagen für den Druck lieferte. Man sieht bis in Details von Schrift und Satzspiegel hinein den Büchern diese Herkunft an. Die kleinen Kreise, die man auf der CD anklickt, um zu den "Popups" mit Sacherläuterungen zu Namen oder Begriffen zu gelangen, sind wie Luftblasen über das Schriftbild verstreut. Von der Unterkante der Seiten steigen fordernd die dazu gehörigen Erklärungen auf und wollen zugleich mit dem Text wahrgenommen werden. Man muß kein Anhänger preziöser Buchgesaltung sein, um die Konsequenz zu bedauern, mit der dieser "junge Goethe" zugunsten der Annäherung von Leseausgabe und Arbeitsspeicher die bibliophilen Traditionen des Insel Verlages ausschlägt.

"Der junge Goethe in seiner Zeit. Texte und Kontexte". In zwei Bänden und einer CD-ROM. Herausgegeben von Karl Eibl, Fotis Jannidis und Marianne Willems. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1998. 773 und 706 S., Schuber, geb., 198,- DM/ br., 88,- DM.

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