https://www.faz.net/-gqz-6qlby

Rezension: Sachbuch : Wanderers Datenbank

  • Aktualisiert am

Daß Buch und CD-ROM systematisch aufeinander verweisen, hat eine Konsequenz: Der Buchleser darf es nicht weit haben zum PC. Der Schlüssel zum Kontext heißt "Windows". Nur so kann er die im Buch gekürzten Texte oder Textgruppen mit Hilfe der CD komplettieren. Dazu gehören die "Ephemeriden", die Lektürenotizen des jungen Goethe, außerdem die Fälle, an denen er als Rechtsanwalt beteiligt war, und die ihm zugeschriebenen Beiträge zu den "Frankfurter gelehrten Anzeigen" des Jahrgangs 1772. Zu den Briefgedichten läßt sich auf der CD der gesamte Briefkontext mitlesen, in dem sie ursprünglich standen. Im Buch gekürzte Briefe findet man hier vollständig.

Die Komplettierung ist jedoch nur eine Nebenaufgabe der CD. Sie umfaßt etwa das Siebenfache der auf den knapp tausenfünfhundert Buchseiten enthaltenen Textmenge. Um die "semantischen Vorräte" zu dokumentieren, aus denen der junge Goethe schöpfte, enthält sie Benjamin Hederichs gesamtes "Mythologisches Lexikon" in der Auflage von 1770, die Lutherbibel - in einer Version aus dem Jahre 1912 - und das Verzeichnis der Bibliothek in Goethes Elternhaus. Nicht nur zu den Gedichten, auch zum "Werther", zur "Stella", zum "Urfaust" und dem "Jahrmarktsfest in Plundersweilern" liefert sie die Überarbeitungen des nicht mehr jungen Goethe. Dazu die Erinnerungen und Kommentare zu den eigenen Werken, etwa aus "Dichtung und Wahrheit" oder den "Tag- und Jahresheften". Der Großteil der Texte aber stammt nicht von Goethe. Man kann sich Gedichte von Klopstock, Idyllen von Geßner, die Poetik des Horaz oder den siebzehnten Literaturbrief Lessings, die Programmschriften der Gefährten im Sturm und Drang und vieles mehr auf den Schirm rufen.

Navigiert man so durch den "Kontext" des jungen Goethe, wird schnell eine elementare Einschränkung der nur elektronisch zugänglichen Texte spürbar. Sie sind da und doch zugleich nicht da. Ihre schnelle Verfügbarkeit ist mit einem evidenten Verlust an Lesbarkeit erkauft, der überall da hervortritt, wo es nicht um "Stellen" geht. Wer eine der leicht greifbaren Ausgaben des "Hofmeister" von Lenz, der Sammlung "Von deutscher Art und Kunst" (1773) mit Herders Shakespeare-Essay, der Quellen zum "Faust" oder der Rezensionen und Parodien zum "Werther" greifbar hat, wird diese Texte am Bildschirm kaum lesen wollen. Sie sind, verglichen mit einem gut gemachten Buch, in einer imaginären B-Ebene angesiedelt, die es wenig attraktiv macht, sich als Leser längere Zeit in ihr aufzuhalten.

Die elektronische Handbibliothek zum jungen Goethe ist trotz ihrer riesigen Textmengen gerade nicht als Objekt extensiver Lektüre, sondern allein als Objekt intensiver Erfassung und Erschließung nutzbar. Man kann in ihr durch Suchabfragen rasch alle Einträge zum Stichwort "Prophete" samt "Weltkind" versammeln. Man kann Suchbereiche erweitern und verengen. Man kann den Weg der Bänder und Schleifen von der Lyrik des Rokoko bis in die Todesstunde Werthers systematisch verfolgen. Man kann auch die relative Häufigkeit bestimmter Begriffe oder Wortkombinationen in Texten untersuchen und die Ergebnisse dann in eigene Dateien "exportieren". Man kann die Schriften und Briefe des jungen Goethe strikt chronologisch oder nach Gattungen gegliedert abrufen. Ihre Stärken als Medium der "Vernetzung" entfaltet die CD-ROM vor allem auf kleinem Raum. Schnell legt sie einem Klopstocks Gedicht "Das Rosenband" neben Goethes "Kleine Blumen, kleine Blätter". Sie erleichtert eher die Synopse im Detail und die Erstellung oder Nutzung lexikonartiger Einträge als die Erfassung von Strukturen des großen Ganzen. Darin bleibt dem CD-Benutzer der Buchleser überlegen. Ist er beides in Personalunion, wird er die B-Ebene eher meiden, sobald es um Großformen geht.

Weitere Themen

Die Phantome des Zeichners

Botho Strauß wird 75 : Die Phantome des Zeichners

Was wäre wohl geschehen, wenn er den Nobelpreis bekommen hätte? Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Botho Strauß, der im politischen Spektrum der Gegenwart keinen Platz hat und jetzt zwei neue Bücher herausbringt.

Topmeldungen

Hans Holbein des Älteren „Heilige Katharina“ aus dem Jahr 1509

Größter Kunstraub der DDR : Gemälde wieder aufgetaucht

Er galt als einer der spektakulärsten Einbruchdiebstähle der deutschen Nachkriegsgeschichte: Jetzt sind die beim „Kunstraub von Gotha“ verschwundenen Bilder nach vier Jahrzehnten wieder aufgetaucht.
Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.