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Rezension: Sachbuch : Wally läßt das Zweifeln sein

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Arno Schmidt oder Rolf Vollmann sind die Staranwälte des literarisch Entlegenen. Selbst Karl Gutzkow, ein ziemlich weit abgeschlagener Ritter vom Geiste, erwachte durch ihren Geheimtip zu neuem Leben. Und es gibt Verlage, die für ein paar tausend derart warm empfohlener und noch dazu kommentierter Seiten jederzeit offen stehen.

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          Arno Schmidt oder Rolf Vollmann sind die Staranwälte des literarisch Entlegenen. Selbst Karl Gutzkow, ein ziemlich weit abgeschlagener Ritter vom Geiste, erwachte durch ihren Geheimtip zu neuem Leben. Und es gibt Verlage, die für ein paar tausend derart warm empfohlener und noch dazu kommentierter Seiten jederzeit offen stehen. Schließlich kennt man die Buchlust der Gemeinde. Der Vorwurf, Gutzkow sei etwas für lesende Masochisten (F.A.Z. vom 13. März 1999), kann sie keineswegs schrecken - im Gegenteil: Am liebsten hätte man alle Helden aus Schmidts "Nachtprogrammen" komplett im Bücherschrank, also auch den ganzen Gutzkow.

          Solche Wünsche, die auch Freunde von Gutzkows Protegé Georg Büchner oder neue Pioniere des neunzehnten Jahrhunderts teilen mögen, beginnen sich zu erfüllen. Allerdings sucht man für dieses Riesenoeuvre neue Wege. Denn der ganze Gutzkow, den man so leichthin fordern mag, reicht noch über Goethe hinaus - jedenfalls nach Zahl geschriebener Seiten. Aufschluß über die Vielfalt dieses Werks bringt erst die akribische Bibliographie von Wolfgang Rasch, die für den Zeitraum von 1829 bis 1880 sechshundert Seiten Primär- und nochmals soviel Sekundärliteratur verzeichnet, den handschriftlichen Nachlaß noch gar nicht mitgerechnet (F.A.Z. vom 29. August 1998). Diese Grundlagenarbeit sowie erste Auswahlausgaben machen deutlich, daß man sich verschätzt, wenn man Gutzkow allein literarisch an seiner "Wally die Zweiflerin" mißt. Denn über den unterhaltsamen Vielschreiber hinaus war er ein höchst umtriebiger Journalist, Literaturkritiker, Zeitschriftenherausgeber und Reformator des Buchmarkts. Gerade auch als solche Integrationsfigur des Literaturbetriebs, der es gelang, sich allein von der Feder zu ernähren, ist er interessant - für Germanisten ebenso wie für Buchwissenschaftler, Historiker oder Soziologen. Gutzkows weitverzweigte Korrespondenz ist schon für sich genommen eine kulturgeschichtliche Quelle von Rang.

          Die kaum überschaubare Quantität, die umstrittene literarische Qualität und der hohe Quellenwert für verschiedene Disziplinen bilden zusammen eine editorische Herausforderung, die nach neuen Lösungen verlangt. Vergleichbar reizvoll und komplex sind beispielsweise das aus über zwanzigtausend Korrespondenzstücken bestehende Aufklärungsnetzwerk Friedrich Nicolais, das gigantische briefliche Salongespräch im Umkreis der Sammlung Varnhagen oder das etwa zehntausend Seiten umfassende Tagebuch Harry Graf Kesslers (F.A.Z. vom 12. Mai 1999). In all diesen Fällen sind Zweifel berechtigt, ob man gedruckte Gesamtausgaben veranstalten kann und soll. Mit solchen Projekten befaßte Herausgeber diskutieren deshalb seit längerem über Vorzüge elektronischer Editionen. Gleichzeitig hat sich die Öffentlichkeit bereits an Hypertexte in Form von CD-ROM-Ausgaben gewöhnt, die neben allem Suchkomfort eine Fülle von beigegebenen Kommentaren, Bild- und Tondokumenten bieten. Entweder begleiten sie in Hybridausgaben den Druck oder sie kommen als selbständige Digitalversionen auf den Markt.

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