https://www.faz.net/-gqz-6qh36

Rezension: Sachbuch : Wahrsager und Wolkenkratzer

  • Aktualisiert am

Tiziano Terzani reist zu den Mysterien des Fernen Ostens

          Zu einer Zeit, da Asien und seine Menschen nur noch im Zusammenhang mit Wirtschaftswachstum, Wolkenkratzern und Aktienmärkten genannt werden, hat einer die exotische Seite des Fernen Ostens wiederentdeckt. Der Journalist Tiziano Terzani fand, was wir aufgeklärte Menschen des Westens gern herablassend als "Aberglaube" bezeichnen: Wahrsagerei, die Bestimmung glücks- und unglückbringender Dinge, den Umgang mit Geistern und die Geomantik. Eigentlich ist es erstaunlich, daß es so lange gedauert hat, bis diese Seite Asiens den Europäern wieder ins Gedächtnis gerufen wird. Denn der Glaube an das Schicksal und die Möglichkeiten, es zu beeinflussen, ist in Asien auch heute noch verbreitet und war einstmals Teil der Faszination, die der Ferne Osten auf die Europäer ausübte.

          Es gibt kaum einen Staatsmann in Ostasien, der nicht bei wichtigen Entscheidungen einen Wahrsager oder ein Horoskop befragt. Diese Praxis überspringt die Grenzen von Ideologie und Kultur: Mao Tsetung, der birmanische Diktator Ne Win, der thailändische Premier Chatichai - sie alle suchten Rat bei einer höheren Instanz. Im britisch geprägten Hongkong wird bei Neubauten noch immer der Meister des Fengshui, der Geomantik, konsultiert, der berechnen soll, welche Winkel und welche Lage für ein Gebäude glücksverheißend und welche unglückbringend sind. Die Techniken sind in den verschiedenen Ländern Ostasiens unterschiedlich, doch finden kann man sie überall, wie Terzani bei seinen Reisen von Bangkok nach Burma, von Jakarta nach Peking festgestellt hat.

          Terzani ist dabei selbst anfällig für die esoterischen Künste Asiens. Nachdem ihn ein Wahrsager vorm Fliegen gewarnt hatte, da ihm ein Unfall drohe, nahm der Journalist dies zum Anlaß, ein Jahr auf Flugzeuge zu verzichten und auf nur langsamere Fortbewegungsmittel wie Bahnen, Wagen und Schiffe auszuweichen. Auf jeder Station seiner Reise suchte Terzani geflissentlich einen Wahrsager auf oder ließ sich über die örtlichen Geister informieren.

          Das Buch ist keine esoterische Seelenreise geworden, weil Terzani seine Erlebnisse mit selbstironischer Distanz berichtet. Es sei auch ein Vorwand gewesen, etwas Poesie in das eigene Leben zu bringen, erklärt er sein flugloses Reisejahr. Und seine Reflexionen über die skurrilen Wahrsager und ihre Einsichten sind durchaus vergnüglich zu lesen. Nebenbei vermittelt Terzani Eindrücke und Stimmungen aus jenen Winkeln Ostasiens, die sonst in der allgemeinen Berichterstattung nicht vorkommen. Gelegentlich schlägt allerdings der romantische Weltschmerz des westlichen Journalisten durch, der die Modernisierung des exotischen Asien beklagt und den Materialismus, der angeblich alle seine Bewohner ergriffen hat. Asien ist ein Kontinent, der fröhlich Selbstmord verübt, schreibt Terzani. Er müßte es eigentlich besser wissen. PETRA KOLONKO

          Tiziano Terzani: "Fliegen ohne Flügel". Eine Reise zu Asiens Mysterien. Aus dem Italienischen von Elisabeth Liebl und Rita Seuß. Spiegel-Buchverlag, Hamburg 1996. 477 S., geb., 48,- DM.

          Weitere Themen

          Alle Geschäfte aus einer Hand

          Brief aus Istanbul : Alle Geschäfte aus einer Hand

          Seit dem gegen ihn gescheiterten Putsch setzt Präsident Erdogan überall Vasallen ein – auch bei den von ihm kontrollierten Medien. Sein neuester Coup sind Fußballwetten.

          „Of Fahters and Sons“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Of Fahters and Sons“

          Der Dokumentarfilm „Of Fathers and Sons“ von Talal Derki feierte am 15. November 2017 beim International Documentary Festival Amsterdam seine Premiere.

          Topmeldungen

          Die Macht hält Erdogan allein in seinen Händen, bei Geschäftemacherei lässt er auch andere ran, wenn sie ihm nützlich sind.

          Brief aus Istanbul : Alle Geschäfte aus einer Hand

          Seit dem gegen ihn gescheiterten Putsch setzt Präsident Erdogan überall Vasallen ein – auch bei den von ihm kontrollierten Medien. Sein neuester Coup sind Fußballwetten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.