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Rezension: Sachbuch : Wahrheit als erste Künstlerpflicht

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Schriftsteller, die sich aus Deutschland in Richtung des welschen Erbfeindes entfernten, hatten es hierzulande nie leicht. Heinrich Heine konnte davon seine Lieder singen. Auch Walter Mehring, der sich zwischen 1921 und 1928 häufiger in Paris als in Berlin aufhielt, ehe er 1933 ins dauerhafte Exil an die Seine gezwungen wurde, ist immer ein Außenseiter geblieben.

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          Schriftsteller, die sich aus Deutschland in Richtung des welschen Erbfeindes entfernten, hatten es hierzulande nie leicht. Heinrich Heine konnte davon seine Lieder singen. Auch Walter Mehring, der sich zwischen 1921 und 1928 häufiger in Paris als in Berlin aufhielt, ehe er 1933 ins dauerhafte Exil an die Seine gezwungen wurde, ist immer ein Außenseiter geblieben. Als er 1953 aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückkehrte, fand er sich in der Bonner Republik nicht mehr zurecht und auch literarisch keine Anknüpfungspunkte mehr. Er recycelte immer wieder seine früheren Gedichte aus der Zeit des Dadaismus und des Berliner Kabaretts, in dem er seine größten Erfolge gefeiert hatte, und reagierte zunehmend verbittert auf das Unverständnis der Gegenwart. Im Adenauer-Deutschland gab es keinen Bedarf an Versen über das Elend des Exils und des Dritten Reiches. Auch eine Autobiographie Walter Mehrings blieb Fragment.

          Nach seinem Tod 1981 gab es mit dem zunehmenden Interesse an Exilliteratur und linker Tradition der Weimarer Republik mehrere Wiederentdeckungsbemühungen. Doch trotz einiger Auswahlbände und einer von Christoph Buchwald herausgegebenen Werkausgabe gelang es nicht, breiteres Interesse zu wecken. Er blieb immer im Schatten Tucholskys, den er doch an aggressiver Schärfe und politischer Illusionslosigkeit überragte. Tucholsky aber ist der gernzitierte Gewährsmann für Walter Mehring, weil er ihn so griffig lobte: "Leierkastenmusik, die Puppe auf dem Sofa des Strichmädchens, die eingesperrten Kinder, deren Mutter uff Arbeet jeht, Männer vom Hausvogteiplatz, für die die Welt keine Rätsel mehr birgt, brave Abonnenten, denen das Insertionsorgan Kindtaufe, Hochzeit und Sonnenaufgang vorschreibt - wenn die neue Zeit einen neuen Dichter hervorgebracht hat: hier ist er."

          Dabei ließe sich auch Mehring über Tucholsky zitieren. Doch Mehrings Satire aus der "Weltbühne" ist weniger griffig. Getarnt als Vertreter der "Molkenproduktenverwertungsinteressengemeinschaft", legte er gegen die "Schändung unserer durch den Schandfrieden sowieso schon schwer geschädigten Berufsgruppe" durch das "Elaborat" eines gewissen Herrn Tucholsky mit dem Titel "Wie kommen die Löcher in den Käse?" seinen ironischen Protest ein. Die Satire stammt aus dem Jahr 1929, als die Lage schon ernst, aber noch nicht so ernst war, daß der Spott sich nicht gelegentlich noch lustvoll und frei tummeln durfte.

          Nun hat der Igel Verlag eine Sammlung mit Reportagen und Glossen herausgebracht, die Mehrings "Berichte aus Berlin und Paris 1918 bis 1933" umfaßt. Es sind Texte aus der heroischen Epoche der deutschen Intellektuellen vor dem Sündenfall. Die meisten erschienen in der "Weltbühne" und im bürgerlicheren "Tage-Buch". Mehring bezieht sich immer wieder auf Emile Zola und die Dreyfus-Affäre als Geburtsstunde des modernen Intellektuellen. Zolas "J'accuse", mit dem er gegen die antisemitisch motivierte Verurteilung des Offiziers Dreyfus wegen angeblichen Landesverrats protestierte, ist seine rhetorische Vorlage.

          Seine kämpferischen Einmischungen führen einen Intellektuellen vor, der noch nicht von Selbstzweifeln angekränkelt und dessen kritisches "Engagement" noch nicht zur Pose erstarrt ist. Dazu ließ der erstarkende Nationalsozialismus auch keine Zeit. Mehring hat den mörderischen Vernichtungswillen der Nazis früh durchschaut und so lautstark vor ihnen und einem drohenden Krieg gewarnt, daß er als "Katastrophen-Mehring" bezeichnet wurde. Die Teilung Polens zwischen Deutschland und der Sowjetunion sah er schon zu einem Zeitpunkt voraus, als Hitler noch gar nicht an der Macht war.

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