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Rezension: Sachbuch : Vor leeren Tellern

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Werner Hechts "Brecht Chronik" · Von Thomas Steinfeld

          4 Min.

          Goethes Leben kennt man von Tag zu Tag, und das ist mehr, als man über jeden anderen deutschen Dichter weiß. Eine Chronik, so wie es sie seit ein paar Jahren für Goethe gibt, wurde weder für Friedrich Schiller noch für Theodor Fontane, weder für Franz Kafka noch für Thomas Mann geschrieben. Die Gründe für diese Ausnahme liegen weit zurück: Goethe war die Zentralfigur für den noch zur Mitte dieses Jahrhunderts weit verbreiteten Glauben, Leben und Werk eines großen Schriftstellers müßten eine Einheit bilden. Was immer Goethe getan oder geschrieben hatte, galt, wie vom Dichter vorgeschrieben, als Bruchstück eines großen Bekenntnisses. Nichts von alledem gilt für Bertolt Brecht. Und doch ist er der zweite deutsche Dichter, dem eine solche Chronik gewidmet wird.

          Vor fünfunddreißig Jahren hat Werner Hecht, damals Dramaturg am Berliner Ensemble, mit der Arbeit an dieser Chronik begonnen. Das war sechs Jahre nach dem Tod des Dichters, und Bertolt Brecht war der größte Held des sozialistischen Theaters in der DDR. Wenig später wurde er zu einem Heerführer in der Geisterarmee der westlichen Linken. Noch später verlor er seinen großen Ruhm und hohen Rang wieder, und das nicht nur, weil er Anhänger einer mittlerweile kompromittierten politischen Lehre war. Vielmehr hatte sich sein dramatisches Konzept erschöpft: Brecht hatte dem Schauspiel nicht getraut, es sollte Veranschaulichung einer Lehre sein und verriet deshalb das Theater. Dann verschwand die DDR, und der Direktor des Berliner Brecht-Zentrums, zu dem Werner Hecht mittlerweile avanciert war, wurde pensioniert, und noch immer sammelte und schrieb er für seine Chronik. Nun ist sie erschienen, mehr als dreizehnhundert Seiten stark, wenige Wochen vor dem hundertsten Geburtstag ihres Protagonisten. Selbstverständlich gibt es darin Mängel, irrtümliche Datierungen, falsche Schreibungen, doch das ist nicht entscheidend. Wichtiger ist, warum ausgerechnet dieser Autor eine solche Chronik bekommt.

          Für das Buch ist das Jubiläum ein Glücksfall. Brechts Dramen sind von den großen Bühnen verschwunden, und keiner erzählt mehr wie in den siebziger Jahren im geselligen Kreis Geschichten von Herrn Keuner. Das Jubiläum aber, eine große, gemeinsame Anstrengung des literarischen Betriebs, erweckt den Anschein, als gehöre Brecht zu den vitalsten Autoren der deutschen Literatur. Und daß dieses Werk tatsächlich lebendig ist - das ist die Voraussetzung, auf der diese Chronik zu ruhen scheint.

          Man kann sie nicht wie eine Biographie lesen, sondern muß sie wie ein Lexikon benutzen: Was tat Brecht im Winter 1925, als er an "Mann ist Mann" arbeitete? Alfred Kerr hatte den jungen deutschen Dramatikern die Langeweile vorgeworfen, Herwarth Waldens Vorwurf, Brecht habe bei Rimbaud abgeschrieben, war immer noch im Gespräch, hier und dort erschienen neue Gedichte, Marianne Brecht war auf Helene Weigel und Elisabeth Hauptmann eifersüchtig, Brecht selbst wollte Verse von Rudyard Kipling übersetzen und besuchte ansonsten gerne Boxkämpfe. In harter Fügung stehen die Fakten nebeneinander.

          Aus der Debatte, die vor ein paar Wochen auf die Veröffentlichung von John Fuegis Biographie "Brecht und Co." folgte, läßt sich eines lernen: Dieses Leben ist interessanter als das Werk geworden. Deswegen werden immer wieder dieselben Geschichten mit immer neuem Pathos erzählt, die Geschichte vom Plagiator und die vom Geschäftemacher, die Geschichte vom Weiberhelden und die vom Windbeutel des Erfolgs. Daß dieses Leben moralisch anfechtbar war, hat Bertolt Brecht selbst gewußt. Er sei kein "unschuldiges Gemüt", notierte er im ersten Sommer des dänischen Exils. Daß beide Seiten, der Biograph und sein Protagonist, die Unmoral dieses Lebenswandels nicht nur kennen, sondern auch inszenieren, macht sie zu Komplizen. Damit könnte es schnell sein Bewenden haben. In diesem Fall aber wird die biographische Neugier durch die Geschichte beflügelt: Dieses Leben steht für eine große politische Entscheidung in der Kunst. Der Sozialismus hat sich mit Gemurmel und Gejammer aus der Weltgeschichte verabschiedet, und nun wird dem Personal, den Affären und Motiven hinterhergefahndet, so als könne man im nachhinein Rechenschaft für diese Entscheidung verlangen.

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