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Rezension: Sachbuch : Von weiten Pupillen, seltsamen Flecken, von Betrogenen und Dealern

  • Aktualisiert am

Was nun bei der Tour ans Tageslicht kommt, hat Paul Kimmage längst aufgeschrieben

          "Am neunten Tag der Tour betrog mich der Sport." Paul Kimmage war mit großen Zielen Radrennfahrer geworden. Er war glücklich, einen Profivertrag bekommen zu haben. Und dann kämpfte er in den vier Jahren, in denen er zum Peloton gehörte, lediglich darum, überhaupt mithalten zu können. Zu seinen großen Landsleuten Sean Kelly und Stephen Roche blickte der Ire auf, und wenn er ihnen ein bißchen helfen durfte, war er stolz. Diejenigen, mit denen er sich maß, waren die Wasserträger, die, die niemals ein Rennen gewinnen. Und doch tat er wie sie alles, um in Fahrt zu kommen. "Vor alldem hatte ich in die verschwitzten Gesichter der Stars auf dem Fernsehschirm geblickt und auf Fotos und nur Ruhm gesehen", resümiert Kimmage einen Aspekt seiner sportlichen Karriere. "Und was sehe ich jetzt? Ich sehe erweiterte Pupillen und unnatürliche Flecken. Wo ich früher Muskelkraft beklatschte, frage ich jetzt, wo sie herkommt."

          Paul Kimmage war Profi im französischen Team RMO und dann bei Fagor mit Stephen Roche. Er fuhr dreimal die Tour mit und stieg 1989 aus dem Geschäft aus. Neben seinem sportlichen Talent verfügt er über erzählerisches: "Rough Ride", sein Buch über das Leben als Radrennfahrer, ist eines der spannendsten, die es gibt. Und es ist so ehrlich, daß es wehtut - auch ihm. Seine Freundschaft zu vielen ehemaligen Kollegen, darunter zu Tour-Sieger Roche, ist über diesem Buch zerbrochen.

          Die Autobiographie sorgte, als sie 1990 erschien, für einen Skandal in der Radsportwelt. Kimmage beschreibt, wie Absprachen getroffen werden, wie die Versuchung wirkt, sich mit Aufputschmitteln und Schmerzstillern im Sattel zu halten. Und er erzählt, wie er sich mit sieben Milligramm Amphetaminen für ein Kriterium auflädt. "Erst macht es mir den Kopf ein bißchen schwirren, doch dann manifestiert es sich auf eine neue Art: Aggression. Ich verspüre einen schrecklichen Drang, aufs Rad zu steigen und es sich unter mir biegen zu lassen. Ich fühle mich unbesiegbar, nichts kann mich schlagen. Die Jungs beginnen Scherze über die Wirkung zu machen, die die Ladung auf mich haben wird."

          Allein für die Lektüre des Buches wurden neugierige Jungprofis seinerzeit beschimpft. Es ist nie übersetzt worden. Nun, zum Start der Tour de France in Kimmages Heimatstadt Dublin, erschien eine aktualisierte und erweiterte Neuauflage. Obwohl zu den eindrucksvollsten Stellen gehört, wie Kimmage die riesige Kluft zwischen seinem Leistungsvermögen und dem der großen Sieger begreift, ist es doch keine Erzählung aus der Froschperspektive des Radsports. Kimmage bewahrt - oder gewinnt? - durch seinen selbstkritischen Blick, seine Tagebucheintragungen von der Tour, auch im tiefsten Tief so viel Anstand und Würde, daß er nicht nur für sich spricht, einen von vielen, sondern für alle Schwerstarbeiter in der Unterhaltungsbranche Radsport. Und damit ist er, gerade während der vom Festina-Skandal erschütterten Tour, aktuell wie nie: "Wir spielen nach den Regeln, die uns gegeben worden sind, um danach zu spielen. Wir sind nicht schuld." Die Schuld weist Kimmage dem Weltverband und Veranstaltern zu, die Ranglistenpunkte bei Rennen vergeben, nach denen es keine Dopingkontrollen gibt.

          Kimmage hat seine Erfahrungen mit Amphetaminen und Corticoiden in der Neuauflage um Berichte über das neue Zeitalter des Dopings erweitert: das von Epo und Wachstumshormonen. Das kann er nicht aus eigenem Erleben tun, denn inzwischen ist er Sportjournalist. Aber seine Aufmerksamkeit ist geschärft, und die Zeitungen sind voll von Berichten. So druckt Kimmage das erschütternde Interview mit dem talentierten Jungprofi Nicolas Aubier aus der französischen Sportzeitung "L'Equipe" nach, der mit 25 Jahren seinen Beruf aufgab, weil er nicht täglich Spritzen und Tabletten bekommen wollte. "Ich glaube nicht, daß man unter die besten hundert Fahrer der Welt kommen kann, ohne Epo einzusetzen oder Wachstumshormone oder anderes Zeug", sagt der junge Mann.

          Wer dopt, das glaubt man bei der Lektüre dieses leider noch nicht ins Deutsche übersetzten Buches sofort, wer wie ein Betrüger bestraft zu werden droht, ist doch ein Betrogener. Den vermeintlichen Protagonisten haben längst Geschäftsleute und Funktionäre, Drahtzieher, Manipulateure und Dealer ihren Sport geraubt. Was bei der Tour de France dieses Jahres ans Tageslicht kommt, hatte Kimmage längst aufgeschrieben. Wer glaubt, in dieser Gesellschaft sauber bleiben zu können, wer versucht, aus nichts als eigener Kraft durchzukommen, droht sehr enttäuscht zu werden. "Acht Tage lang war die Tour alles, was ich mir in meiner Kindheit vorgestellt hatte", schreibt er über sein Debüt. "Ich war der bestplazierte Fahrer der Mannschaft und war besser als je zuvor in meinem Leben. Aber dann, am neunten Tag, war ich fertig. Meine Batterien gingen völlig aus. Mit noch vierzehn Etappen vor mir hatte ich eine Entscheidung zu treffen. Eine große Entscheidung. Die größte Entscheidung meines Lebens. Wollte ich sie wieder aufgeladen haben?" MICHAEL REINSCH

          Besprochenes Buch: Paul Kimmage: "Rough Ride. Behind the Wheel with a Pro Cyclist", aktualisierte Neuauflage, Yellow Jersey Press/Random House, 280 Seiten, 8 Pfund.

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