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Rezension: Sachbuch : Von postkolonialen Abkürzungen

  • Aktualisiert am

Unkorrekt kommt man weiter

          Wie günstig, daß die schönsten Abkürzungen bisweilen schon vergeben sind. Bis vor kurzem rätselten die geplagten Eurozentristen an Amerikas Universitäten, wie man die sie gegenwärtig alles überrollende Bewegung des postcolonialism wohl bündig bennenen könne, wo doch "pc" schon für die nicht minder verschrieene political correctness gebraucht wurde? Mittlerweile hat sich deshalb die hübsche Bezeichnung "poco" eingebürgert, die mit ihrem - in amerikanischen Ohren - pejorativen Anklang an das spanische Wort für "wenig" wie geschaffen für just die Herablassung zu sein scheint, die den Vertretern der hehren Werte vom Alten Kontinent schon immer vorgeworfen wurde. Nun sind "pc" und "poco" natürlich recht nahe verwandt - beider intellektuelle Speerspitze ist Edward Said -, weshalb man zur Not auch eine einheitliche Benennung hätte wählen können. Doch die These der Postkolonialisten ist vergleichsweise noch simpler als die der PC-Apologeten. Die Kulturhegemonie des Westens habe die Entwicklung der Künste und wichtiger selbstverständlich noch: die der Geisteswissenschaften in den nichtwestlichen Staaten systematisch erstickt. Nun geht endlich von den Vereinigten Staaten die Gegenbewegung aus, und niemand stört sich im geringsten daran, daß damit wieder der Westen als Heilsbringer auftritt. Die ganze neuere amerikanische Literatur scheint bisweilen bereits von den Postkolonialisten geschrieben. Die ganze? Nein, ein emeritierter Geschichtsprofessor aus Harvard hört nicht auf, Widerstand zu leisten, und das Leben ist nicht leicht für seine Kritiker in den befestigten Lagern von Berkeley, Columbia oder Yale. Denn David Landes betreibt vor allem das, was die englischsprachige Historiographie so groß gemacht hat: Er schreibt auf breiter Quellenkenntnis mit gesundem Menschenverstand. Nun hat er sein Opus magnum vorgelegt (siehe F.A.Z. vom 3. August 1998), eine Fort- und Umschreibung von Adam Smiths "Wealth of Nations", die deshalb auch den Titel "The Wealth and Poverty of Nations" (Little, Brown & Company, London 1998. 650 S., geb., 20,- brit. Pfund) trägt. Die Einbeziehung der Armut zeigt bereits, wo Landes seinen Akzent setzt - und daß er diesen Aspekt bei Smith vermißt hat: Das Register zum "Wealth of Nations" weist gerade einmal drei Einträge zum Stichwort "Armut" aus. Mit dem Ahnvater der modernen ökonomischen Theorie geht sein Erbe bisweilen hart ins Gericht, witzigerweise wirft er dem Schotten ein anglozentrisches Weltbild vor - ein Gran poco findet sich also auch bei Landes selbst. Es ist denn auch keinesfalls so, daß der Amerikaner die katastrophalen Folgen des europäischen Kolonialismus abstritte; er weigert sich nur, darin eine Entschuldigung für jedwede gegenwärtige Benachteiligung zu sehen. Sein Musterbeispiel ist China, das durch sein autokratisches System den Anschluß an die Moderne verpaßt habe, nicht durch die koloniale Ausbeutung des letzten Jahrhunderts, als die Weichen für Erfolg oder Mißerfolg längst gestellt waren. In der europäischen Wertschätzung des Individuums sieht Landes den entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber einem chinesischen Kaiserreich, das alle staatlichen Ziele durch schiere Massenmobilisierung erreichen konnte, damit aber jedes Privatengagement vernichtete - der immense Erfolg chinesischer Händler außerhalb ihres Landes ist eines der stärksten Argumente für diese These. So muß die Vorstellung einer moralisch oder auch politisch gelenkten Forschung für Landes etwas Erschreckendes haben, weil das chinesische Phänomen nun der akademischen Szene seiner Heimat droht: Stillstand in Amerika, Fortschritt im Rest der Welt. Aus dieser Analogie speist sich der größte Vorwurf, den Landes gegenüber den Vertretern des Postkolonialismus erhebt, und die Ökonomie wird in seinem Buch zum Beispiel für die Kultur überhaupt. "Wir müssen ein skeptisches Vertrauen entwickeln, Dogmen vermeiden, gut zuhören und aufpassen . . ." So endet das Buch mit einer bis dahin nicht vernommenen pathetischen Note - zumindest un poco.

          ANDREAS PLATTHAUS

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