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Rezension: Sachbuch : Von Minne und Mode

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Der musikalische Pluralismus, also die Koexistenz ganz unterschiedlicher Stile und Ästhetiken, ist keine Erfindung der Postmoderne. Sie hat uns aber darauf aufmerksam gemacht, daß er typisch für das zwanzigste Jahrhundert ist. Pluralismus zeigt sich in der extremen Individualisierung unter den Komponisten, aber auch daran, daß E-Musik, Pop, Jazz und leichte Muse immer schwerer abzugrenzen sind.

          Der musikalische Pluralismus, also die Koexistenz ganz unterschiedlicher Stile und Ästhetiken, ist keine Erfindung der Postmoderne. Sie hat uns aber darauf aufmerksam gemacht, daß er typisch für das zwanzigste Jahrhundert ist. Pluralismus zeigt sich in der extremen Individualisierung unter den Komponisten, aber auch daran, daß E-Musik, Pop, Jazz und leichte Muse immer schwerer abzugrenzen sind. Eines seiner Kennzeichen ist auch, daß auf geschichtliche Vorbilder oder Bezugspunkte sehr heterogen zurückgegriffen wird - falls eine solche Berührung überhaupt bewußt gesucht wird. In ihrem Hang zur Ausbeutung des Alten, also früherer Epochen, und Fremden, also vorab außereuropäischer Kulturen, wandte sich die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts so ziemlich allem zu, was noch zu entdecken oder wiederzuentdecken war. Und so machte sie auch vor dem Mittelalter nicht halt.

          Der von Wolfgang Gratzer und Hartmut Möller herausgegebene und von elf Autoren verfaßte Band zu Rezeption und Aneignung der Musik des Mittelalters in der Gegenwart entfaltet denn auch ein breites Spektrum. Produktive Antworten auf das Mittelalter seitens der Komponisten sind ebenso Thema wie die Verflechtungen im Bereich der Pop- und der kommerziellen Musik, die Probleme der Rekonstruktion ebenso wie die Fragen nach der angemessenen interpretatorischen Darstellung dieser uns doch so fremden Musik. Es geht mithin um die kompositorische Auseinandersetzung, so bei Strawinsky, Orff, Gubaidulina und Klaus Huber - und darum, wie der heilige Franziskus, der Minnesang, die Spielmusik und die Troubadours in heutiger Wissenschaft, im Konzertleben und auf dem Musikmarkt rezipiert werden.

          Die Hinwendung zum Mittelalter ist motiviert durch höchst verschiedene Sehnsüchte. Was sie gleichwohl verbindet, sind das Unbehagen, die Skepsis und das Mißfallen gegenüber der Moderne und ihrer unumkehrbaren Entzauberung und Rationalisierung von Kultur und Lebenswelt. Die Sehnsüchte sind gerichtet auf vormoderne Heiligkeit, auf Irrationalität, die bis zum Kitsch geht, auf Entlastung von den Subtilitäten der europäischen Kunstmusik seit der Renaissance, auf religiöse Ursprünglichkeit in gottverlassenen Zeiten, auf eine angeblich unpolitische Spiritualität - und das alles verbunden mit dezidiert modernen Methoden, mit durchkalkulierter Kommerzialisierung und akribischer wissenschaftlicher Rekonstruktion. Von einer wiedererlangten Echtheit kann somit nicht die Rede sein. Mittelalterliche Musik, wie immer auch ins Heute übersetzt, hat auch etwas vom Schein falscher Gegenwärtigkeit.

          Um so mehr frappiert die Fülle der Phänomene. Was sich alles auf dem CD-Markt tummelt, entfaltet mit stupendem Wissen Robert Lug am Beispiel des Minnesangs. Wie Jazz sich mit mittelalterlicher Musik legieren möchte, zeigt Wolfram Knauer. Daß Hildegard von Bingen nicht nur die sogenannten ersten Komponisten, sondern auch die Modewelt und das Musical fasziniert, wird von Annette Kreutzinger-Herr dargelegt. Der Gregorianische Gesang, auf die CD digitalisiert, ist das Thema von Olav Roßbach. Sammelbände leben vom unterschiedlichen Niveau ihrer Beiträge. Nicht ohne Ironie ist, daß der prominenteste Beitrag, eine von den Herausgebern vollmundig als "Auftragskomposition" titulierte Kürzestkomposition Dieter Schnebels, alles übrige unterbietet und getrost vergessen werden kann. Die Wissenschaftler geben sich entschieden mehr Mühe. Daß mag auch daran liegen, daß sie sich der Probleme von kulturellen und historischen Differenzen bewußt sind.

          Ein Beitrag behandelt die Rezeption in der radikalen Neuen Musik der Gegenwart. Bezeichnenderweise knüpft diese, wie Wolfgang Thein umsichtig rekonstruiert, nicht an der so leicht verkitschbaren Sakralkunst an, sondern an der vergleichsweise "intellektuellen" Musik der Ars subtilior mit ihrem hochexpressiven und zugleich ausgesprochen strukturalistischen Gepräge. Wahlverwandtschaftliche Bezüge zur konstruktiven Tradition seit Schönberg werden da sichtbar, die heute von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Brian Ferneyhough und - programmatisch - Mark André aufgegriffen wird.

          Viele der Aufsätze durchzieht, als eine idée fixe, die Vokabel "postmodern", mit der man sich schon deshalb nicht anfreundet, weil der aktualistische und somit sich selbst inszenierende Impetus der Herausgeber offensichtlich wird. Vor allem der Mitherausgeber Hartmut Möller erhofft sich in seinen einleitenden Überlegungen zu "Mittelalter-Übersetzungen" von den modischen Postmodernismen Impulse für sein ansonsten von Weltvergessenheit gebeuteltes Fach Musikwissenschaft. Gesucht wird ein Anker im Meer kultureller Überkomplexität. Gefunden werden aber sollten Gelassenheit und souveräne Kühle gerade für die Musik - ganz gleich, ob sie der Vergangenheit oder der Gegenwart entstammt.

          CLAUS-STEFFEN MAHNKOPF

          Wolfgang Gratzer, Hartmut Möller (Hrsg.): "Übersetzte Zeit". Das Mittelalter und die Musik der Gegenwart. Wolke Verlag, Hofheim 2001. 349 S., Abb., br., 35,- .

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