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Rezension: Sachbuch : Von Epigonen und Baronen

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Kritik des Biedermeier: Peter Hasubek über Karl Immermann

          3 Min.

          "Gestern abend erfuhr ich ganz zufällig den Tod von Immermann. Ich habe die ganze Nacht durchgeweint. Welch ein Unglück. Sie wissen, welche Bedeutung Immermann für mich hatte, dieser alte Waffenbruder, mit welchem ich zu gleicher Zeit in der Literatur aufgetreten, gleichsam Arm in Arm! Welch einen großen Dichter haben wir Deutschen verloren, ohne ihn jemals recht gekannt zu haben!" Heinrich Heines Totenklage benennt einen Zustand, an dem sich bis heute nichts geändert hat: Karl Immermann ist nie wirklich bekannt oder gar populär gewesen, weder bei seinen Zeitgenossen noch bei den Nachfahren. Seine Werke sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, im Buchhandel nicht vorhanden, und obwohl der Schriftsteller heute vor zweihundert Jahren geboren wurde, käme wohl niemand auf den Gedanken, für 1996 ein Immermann-Jahr auszurufen.

          Dabei sind Leben und Werk Immermanns so uninteressant nicht: Der Jurastudent in Halle kämpfte in den Befreiungskriegen und gelangte 1827 als Landgerichtsrat nach Düsseldorf, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1840 blieb; einen Ausbruchsversuch aus dem juristischen Brotberuf stellt seine Tätigkeit als Theaterleiter in Düsseldorf dar. Schon früh verfaßte er Gedichte und Schauspiele; seine Hauptwerke aber sind die beiden Romane "Die Epigonen" (1836) und "Münchhausen" (1838/39) sowie die autobiographischen Schriften, um derentwillen Immermann heute noch gelesen und geschätzt wird. "Die Epigonen" liefern als einer der ersten deutschen Zeitromane einen panoramatischen Blick über deutsche Zustände im Biedermeier; hellsichtig wird der Niedergang des Adels und das aufkommende industrielle Zeitalter beschrieben, etwa mit der ersten Fabrikanlage im deutschen Roman überhaupt. Immer wieder wurden Versuche unternommen, dem Autor mehr Beachtung zu verschaffen, sei es in der Literaturwissenschaft, sei es bei den übrigen Lesern. Diese Bemühungen schreckten auch vor Umschreibungen und Verstümmelungen nicht zurück: Immermanns letzter Roman "Münchhausen" wurde aller satirischen Teile entkleidet und als harmlose Dorfgeschichte unter dem Titel "Der Oberhof" verbreitet.

          In den letzten Jahren hat niemand mehr für die Bekanntheit Immermanns getan als der Braunschweiger Literaturwissenschaftler Peter Hasubek. Er gab die Romane "Die Epigonen" und "Münchhausen" neu heraus, außerdem die Tagebücher und als wichtigste Edition die Briefe des Autors mit einem umfangreichen Kommentar. So wurde es möglich, sich ein sehr viel genaueres Bild über die Lebensumstände, aber auch über die Entstehungsgeschichte der Werke Immermanns zu verschaffen. Zum zweihundertsten Geburtstag erscheint nun ein Band, in dem die verschiedenen Aufsätze und Nachworte beinahe vollständig versammelt sind, die Hasubek in fast dreißigjähriger Beschäftigung mit Immermann verfaßt und an manchmal entlegener Stelle publiziert hat; einige wurden überarbeitet und erweitert, ein Aufsatz über Immermanns Verhältnis zu Tieck, einer der interessantesten des Bandes, wird hier erstmals veröffentlicht. Diese Entstehungsgeschichte prägt auch den Charakter des Buchers. Es liefert keine Gesamtschau, sondern geht einer Vielzahl von Einzelfragen nach; geschildert wird etwa Immermanns Verhältnis zu Grabbe, Heine oder Freiligrath, aber auch die Bibliothek des Dichters, deren Bestände auf 25 Seiten aufgelistet werden; daneben finden sich die Nachworte aus der Briefausgabe und dem Versepos "Tulifäntchen".

          Die Herkunft der Beiträge aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen wirft die Frage auf, ob eine solche Zusammenstellung sinnvoll ist, es kommt keineswegs zu einem durchgestalteten Buch über Immermann, sondern zu einer Aufsatzsammlung, die nicht frei von Wiederholungen ist. Aber bei einer Durchsicht der Beiträge werden schnell die Fragestellungen klar, die Hasubek immer wieder beschäftigen: Es ist die Frage nach dem Zeitschriftsteller Immermann, der sich in seinem Schreiben mit den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen seiner Gegenwart kritisch auseinandersetzt. Wenn Hasubek Immermanns Lustspiele untersucht, konstatiert er eine "Entwicklung von unverbindlicher (historischer) Ferne zu zeitgeschichtlicher Nähe, ein Weg, bei dessen Durchschreiten die gesellschafts- und zeitkritischen Elemente verstärkt werden". Bei Immermanns Prosawerken erkennt Hasubek eine "aufsteigende Linie" bis zum Roman "Münchhausen", der die in den früheren Werken angelegten "erzählerischen Intentionen Immermanns als Zeitanalytiker und Zeitkritiker" fortsetzt und überbietet.

          Diese Sicht auf Immermann ist nicht neu; als Zeitschriftsteller wurde der Autor schon zu Lebzeiten rezipiert. Aber Hasubek belegt diese Annahme in den Aufsätzen, die Immermanns Standort in seiner Zeit untersuchen, durch gründliche Textanalyse, was gelegentlich die Geduld durch umfangreiches Referieren etwas strapaziert. Es zeigt sich, daß Hasubek zu erzählen versteht; die Stärken des Bandes liegen in Aufsätzen, wie denen zum Verhältnis Immermanns zu Tieck und, wichtiger noch, zu Grabbe, die auf vergleichsweise wenigen Seiten ein fesselndes Bild der jeweiligen literarischen und menschlichen Beziehung entwerfen.

          Natürlich fallen auch Lücken ins Auge. Die Nachworte aus Hasubeks Editionen der Romane fehlen, was dazu führt, daß "Die Epigonen" im Sammelband ohne eigene Untersuchung bleiben. Auch die "Memorabilien", Immermanns fragmentarische Autobiographie, werden nur im Rahmen der übrigen Beiträge erwähnt. Ein Ärgernis ist der offenbar nur flüchtig korrigierte Satz des Bandes, der bisher verstreut Publiziertes bündelt und den Zugriff auf wichtige Aufsätze erleichtert. Der Rezeption Immermanns kann das nur dienlich sein. TILMAN SPRECKELSEN

          Peter Hasubek: "Karl Leberecht Immermann". Ein Dichter zwischen Romantik und Realismus. Böhlau Verlag, Köln / Wien 1996. 289 S., br., 49,80 DM.

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