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Rezension: Sachbuch : Vom Zisterzienser zum Hochstapler

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Die andere Seite der Avantgarde: Völkische Bewegungen vergifteten die Atmosphäre im Kaiserreich

          Adolf Hitler mochte sie nicht, verhöhnte sie als "Wanderscholaren" und rechnete sie zu den "Feinden des neuen Regiments"; in der Forschung aber finden sie vor allem Aufmerksamkeit wegen ihrer Vorläuferfunktion für die nationalsozialistische Rassenideologie: die völkischen "Denker", Propheten und Agitatoren, die seit den 1870er Jahren aus dem Boden der grassierenden Kulturkritik schossen, mit manchen ihrer Erzeugnisse den bildungs- wie den kleinbürgerlichen Bücherschrank im Sturm eroberten und ein Klima rassistischer Abgrenzungen und Zuordnungen erzeugten.

          Das Handbuch zur "Völkischen Bewegung" nimmt eine Bestandsaufnahme dieser intellektuell-religiösen Gegenkultur von den Anfangsjahren bis zum Ende des Kaiserreichs vor. Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand: Das völkische Dichten und Trachten entzieht sich akademischer Denkdisziplin, so daß die Erforschung seiner Elaborate im Niemandsland zwischen Geschichtswissenschaft, Soziologie, Politologie, Theologie, Literatur- und Kunstwissenschaft angesiedelt ist. Alle diese Fächer interessieren sich dafür, die Integration der Erkenntnisse aber bereitet Probleme. Auch die Außengrenzen des völkischen Lagers verfließen. Dessen Denken und Propaganda überschnitten sich teilweise mit dem breitgefächerten Forderungskatalog der Lebensreformbewegung und durchdrangen fast alle Varianten antimodernen Protests von den agrarischen Siedlungsutopien über die Kapitalismuskritik bis zur Heimatbewegung in Literatur und Architektur.

          Doch die Idiosynkrasien und Postulate der völkisch imprägnierten Zivilisationskritik lassen sich mit dem Kategorieraster "modern - antimodern" nicht zureichend erfassen. Zutreffend beschreiben die Herausgeber die völkische Bewegung daher in Anlehnung an Uwe Justus Wenzel als jenen Teil einer vielfältigen und widersprüchlichen "kulturellen Avantgarde", dem es nicht um eine "Alternative zur Moderne", sondern um "Entwürfe einer alternativen Moderne" gegangen sei. Deren Gemeinsamkeit liegt jenseits aller Variationsbreite der einschlägigen "Theorie" und Hirngespinste im antihistorischen und quasi-naturwissenschaftlichen Rekurs auf das "gemeinsame deutsche Blut" als dem vermeintlich tiefsten Grund deutschen Daseins.

          Das "Handbuch" bietet einen vorzüglichen Einstieg und leistet weithin eine übersichtliche und systematisch geordnete Sammlung des vorhandenen Wissens. Was die Organisationsformen der "Völkischen" angeht, so differenzierte sich die Bewegung in die verschiedensten Varianten, von der Großorganisation etwa des "Alldeutschen Verbandes" oder des "Deutschen Wehrvereins" über eine Fülle von Vereinen, Bünden, Zirkeln, wie die "Hammer"-Bewegung, bis zu Gesinnungsgemeinschaften um Zeitschriften wie etwa das katholische "Heilige Feuer" oder um kulturell-ideologische Projekte wie die völkische Erwachsenenbildung und schließlich die Gefolgschaftskreise um selbsternannte Propheten.

          Die Herausgeber tragen dem Rechnung, über die Zuordnungen läßt sich freilich streiten. Denn Beiträge etwa zum Wagnerismus in der Kaiserzeit (Hildegard Châtellier), zu Ernst Wachler und dem Harzer Bergtheater (Uwe Puschner) oder zum völkischen Gedankengut im Umfeld der "Kinoreformbewegung" (Sabine Lenk) sind im Abschnitt "Die kulturelle ,Moderne': Kritik und Alternativen" untergebracht statt bei den Studien zur Organisations- und Bewegungsgeschichte. Auch ist schwer einzusehen, warum die Untersuchung zur deutschen Vorgeschichtsforschung (Ingo Wiwjorra) bei den "Institutionen und Gegenbewegungen" plaziert ist und nicht, wie Wolfgang Webers Aufsatz über völkische Tendenzen in der Geschichtswissenschaft, bei "Kritik und Alternativen". Doch wo Organisations-, Bewegungs- und Ideologiegeschichte so eng verzahnt und so schwer von Politik-, Kultur-, Ideen- und Wissenschaftsgeschichte abzugrenzen sind wie bei den Völkischen, haftet jedem Versuch einer Systematisierung etwas Willkürliches an.

          Als zentraler - wenn auch unterschiedlich deutlich ins Zentrum der Agitation gestellter - Bestandteil des völkischen Syndroms erweist sich der Antisemitismus. Untauglich zum politischen Geschäft, stilisierten die völkischen Vorkämpfer vielfach einen hegemonialen kulturellen und religiösen Führungsanspruch. Das gilt für den Pfarrersohn Lagarde und seine radikalen Anhänger nicht weniger als für den hochstaplerischen Ex-Zisterzienser und völkischen Ordensgründer Lanz von Liebenfels, für den Wagner-Propheten Chamberlain und für die "Kosmiker" des Klages-Kreises und den Nacktkultur-Künstler Fidus. Die in der kulturellen Avantgarde weit verbreitete Ideologisierung und Überfrachtung der Kunst nicht nur als Ausdruck einer utopisch vollkommenen Wirklichkeit, sondern auch als Vehikel zu ihrer Realisierung ist die andere Seite der Flucht aus der Politik.

          Erfreulicherweise haben die Herausgeber darauf geachtet, daß die Rezeptionsgeschichten jeweils bis zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft reichen. Ein höchst nützlicher Anhang erschließt die Thematik mit Kurzbiographien der völkischen Propagandisten, einem Personenregister und einem Verzeichnis der Organisationen und Institutionen. Leider fehlt ein Sach- oder Stichwortregister. Statt dessen enthält jeder Beitrag eine umfängliche Bibliographie mit den wichtigsten Quellen und Forschungsliteratur.

          So breit der Band das Themenfeld erschließt, eine Lücke ist nicht zu übersehen. Der Zusammenhang von völkischen Theorien und Eugenik wird in einem - im übrigen sehr informativen und komprimierten - Artikel von Rolf Peter Sieferle über "Rassismus, Rassenhygiene und Menschenzuchtideale" auf zweieinhalb Seiten behandelt - das ist zu wenig angesichts der schrecklichen Bedeutung des Themas. Gleichwohl - der Band wird in Lehre und Forschung als unerläßliches Kompendium dienen. WOLFGANG HARDTWIG

          "Handbuch zur Völkischen Bewegung". 1871-1918. Hrsg. von Uwe Puschner, Walter Schmitz und Justus H. Ulbricht. K. G. Saur Verlag, München 1996. 978 S., geb., 320,- DM.

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