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Rezension: Sachbuch : Vom Rand her erobern

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Holbein-Zeichnungen: Ein kommentierter Katalog aus Basel

          4 Min.

          Holbeins Baseler Zeichnung einer "vierkantig geschnittenen" Hand hat durch Paul Valérys mehrfachen Bezug eine gewisse Berühmtheit erhalten. Bei der Seltenheit solcher vermeintlich "kubistischen" Versuche, auch von Dürer gibt es Arbeiten dieser Art, ist die Frage nach der ursprünglichen Bedeutung noch nicht beantwortet. Sind solche Studien in der Art von Gliederpuppen bereits den konzentrierten Raumerklärungen von Degas an die Seite zu stellen? Oder handelt es sich nicht eher um beiläufige Demonstrationen dem Lehrjungen gegenüber? Der Baseler Bestand, oft aus zerschnittenen Blättern gewonnen - das Zerschneiden und Ausschneiden an der Kontur scheint eine Eigenart Holbeins gewesen zu sein -, spricht für letztere Möglichkeit.

          Im Falle von Hans Holbein dem Jüngeren wird man sich auch sonst auf die großartige Provenienz des Amerbach-Nachlasses beziehen, der noch einen Hauch des unzerstreuten Nachlasses besitzt. Das Baseler Kupferstichkabinett hat den stolzen Holbein-Schatz immer wieder auf Ausstellungen gezeigt, zuletzt 1988. Christian Müllers jetzt mit vorzüglichen Reproduktionen ausgestatteter Bestandskatalog konnte diese Vorarbeiten, an denen er maßgeblich beteiligt gewesen ist, nutzen und hat die Diskussion bereichert. Das gilt insbesondere für die Wasserzeichen der Papiere, eine unentbehrliche Grundlage für Datierungen. Sie konnten erst aufgenommen werden, nachdem ein Restaurator die Zeichnungen von alter Aufklebung befreit hatte.

          Man wendet sich immer nur den herausragenden Zeichnungen solcher Bestände zu. Hier ist einmal die Möglichkeit, sie aus dem Unterholz untergeordneter Arbeiten hervorwachsen zu sehen, zu denen Holbein der Jüngere als Hofmaler veranlaßt war. Reinzeichnungen zum Gebrauch der Kunsthandwerker herrschen vor. Vielleicht hat sein Sohn, der Goldschmied, sie als Muster gebraucht. Der Eigenwert solcher "Visierungen" ist unter Umständen gering. Nicht die Handschrift, sondern die gesättigte Klarheit solcher Blätter war gefragt. Besonders in diesem Bereich ist die Scheidung von Kopie und Original schwierig und die Diskussion undankbar.

          Um ein Ergebnis der Bearbeitung vorwegzunehmen, so sind einzelne, früher hochgeschätzte Arbeiten jetzt nur noch unter den Kopien aufgeführt. Das betrifft etwa den wegen seiner Zierlichkeit gerühmten Entwurf zu Dolchscheiden mit dem Totentanz, von dem acht Fassungen überliefert sind. Das wird früher oder später zu Widerspruch reizen, wenn auch die Aussicht auf sichere Schlüsse gering sein dürfte. In vielen Fällen hat der Meister mit seiner Vorliebe für technische Hilfsoperationen wie Gegendrucke von Federzeichnungen Tür und Tor für die Verwischung der Handschrift geöffnet. Nicht nur, daß solche Zeichnungen von vornherein "unpersönlich" angelegt waren, das Abklatschen hat ihnen ihren Schmelz genommen.

          Aus Baseler Sicht sind die Unterschiede zwischen der Gruppe der etwa zehn Dutzend Zeichnungen Hans Holbeins des Älteren, die der 1979 von Tilman Falk besorgte erste Bestandskatalog (unter 702 Katalognummern) verzeichnet hatte und den reichlich zweihundert Zeichnungen seiner Söhne Ambrosius (acht Zeichnungen) und Hans (198 eigenhändige Blätter), zu denen eine große Zahl von Gegendrucken, Repliken und Filiationen verschiedener Art kommen, beträchtlich. Gegenüber der ernsten, streng auf sich bezogenen Zeichenkunst des Vaters haben die gewandten Zeichnungen des Sohnes einen Siegeszug durch alte Zeiten angetreten. Sie konnten, vor allem durch ihre Verknüpfung mit der Kunst am Hofe in England, zum Inbegriff deutscher Zeichenkunst aufsteigen und blieben vorbildlich bis ins 19. Jahrhundert.

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