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Rezension: Sachbuch : Vom Katheder zum Rednerpult ist es nicht weit

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Von Heidelberg nach Frankfurt auch nicht: Sieben Gelehrtenpolitiker der Paulskirche

          4 Min.

          Unter den fast genau sechshundert Abgeordneten, die im Frühjahr 1848 in die deutsche konstituierende Nationalversammlung gewählt wurden, waren zahlreiche Hochschullehrer - in keiner anderen Berufsgruppe war der Hundertsatz derer, die sich damals der aktiven Politik zuwandten, so hoch wie unter den Professoren und Privatdozenten. Diese Männer waren es gewöhnt, öffentlich zu wirken, sie hatten politisch nutzbare Sachkompetenz und genossen ein hohes Sozialprestige, waren in der Zeit der Notabeln-Politik also natürliche Bewerber für ein Parlamentsmandat.

          Von den Gelehrtenpolitikern, die nach Frankfurt gingen, hatten allein sieben ihren Wohnsitz in Heidelberg, nämlich die Historiker Georg Gottfried Gervinus und Karl Hagen, die Juristen Karl Mittermaier, Robert von Mohl und Karl Theodor Welcker, der Nationalökonom Gustav Höfken und der Philosoph Christian Kapp. Vier von ihnen vertraten badische Wahlkreise, die anderen wurden außerhalb des Großherzogtums gewählt, so Gervinus in Wanzleben in der preußischen Provinz Sachsen. Landtagserfahrungen hatten Welcker seit 1841 - er war einer der populärsten Abgeordneten Deutschlands -, Mittermaier, ebenfalls seit 1831, freilich mit Unterbrechungen, Mohl und Kapp, beide seit 1846. Gervinus, Hagen und Höfken hatten über ihre wissenschaftliche Tätigkeit hinaus als Publizisten auf sich aufmerksam gemacht. Keiner dieser Männer schied ganz streng zwischen Wissenschaft und Politik. Gervinus etwa vertrat die Ansicht, der Historiker müsse ein natürlicher Verfechter des Fortschritts sein.

          Diesen sieben Gelehrtenpolitikern hat jetzt eine Gruppe von zumeist an der Universität Heidelberg tätigen jüngeren Historikern einen sehr instruktiven Aufsatzband gewidmet. Dabei geht es nicht um die jeweilige Biographie schlechthin. Natürlich wird der Lebensgang dieser zwischen 1787 und 1811 geborenen Persönlichkeiten bis zum Frühjahr 1848 nachgezeichnet - am ausführlichsten geschieht das bei Welcker -, und ebenso wird auf ihren weiteren Weg nach 1849 geblickt. Den breitesten Raum nimmt aber die Erfahrung des Revolutionsjahres und namentlich die Wirksamkeit in der Paulskirche ein. Ein eigener Beitrag befaßt sich mit der Deutschen Zeitung. An diesem von Gervinus geleiteten Blatt, zu dem wohl Mittermaier am Rande des Frankfurter Germanistentags im September 1846 den Anstoß gegeben hatte, waren mit Ausnahme Kapps alle in Heidelberg ansässigen Abgeordneten zur Paulskirche kürzere oder längere Zeit beteiligt. Alle acht Aufsätze sind gründliche Forschungsleistungen, alle sind auch in der Darstellung sehr ansprechend.

          Hier und da wäre es sinnvoll gewesen, mehr über die Lebensabschnitte bis 1848 mitzuteilen. Mohls sozialpolitisches Interesse hätte breitere Berücksichtigung verdient, auch wenn das 1848 nicht im Zentrum seiner Tätigkeit stand. Auffallend ist, daß das preußische Unionsprojekt in allen Beiträgen, die überhaupt darauf zu sprechen kommen, in seiner Bedeutung verkannt wird. Es knüpfte sehr eng an die Arbeit der Paulskirche an, und die Kompetenzen des darin vorgesehenen Parlaments kann man wahrlich nicht als kümmerlich bezeichnen. Und Robert Blums standrechtliche Erschießung in Wien im November 1848 war sicher ein politischer Fehler, aber kein Mord, wie zwei der acht Autoren meinen.

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