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Rezension: Sachbuch : Vogel ohne Füße

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Über Hilde Domins Gedichte

          2 Min.

          Welche Art Gedichte sie schreiben wolle, hat Hilde Domin 1968 mit dem letzten Abschnitt des Triptychons "Drei Arten Gedichte aufzuschreiben" auf eine ebenso prägnante wie kühne Weise gesagt: "Gedicht / das Unmögliches verlangt / von jedem der vorbeigeht / dringend / unabweisbar / als rufe es / ,Trink Coca-Cola'".

          Kühn ist sie, weil sie ohne jede Scheu vor ästhetischer Abwertung ein Erfrischungsgetränk und den entsprechenden Werbeslogan zum Vorbild für Gedichte erhebt. Prägnant ist das Gedicht, weil es die wichtigsten Merkmale von Hilde Domins Lyrik nennt oder zeigt: eine ethische Radikalität, die, um sich der Negativität zu entwinden, "Unmögliches" verlangt, und dies in einem ausgesprochen appellativen Ton und in einer unmittelbar verständlichen Diktion.

          Solche Gedichte haben den Vorzug, daß sie einer vermittelnden Interpretation nicht bedürfen. Jeder versteht sie auf Anhieb. Doch ist dies ein verfänglicher Vorzug, denn er enthält die Gefahr, daß diese Gedichte als allzu "einfach" oder "leicht" abgetan werden. Um so erfreulicher ist es, daß nun eine Untersuchung vorliegt, die durch achtzehn eindringliche Analysen deutlich macht, von welch einer intellektuellen und ästhetischen Komplexität viele von Hilde Domins einfach wirkenden Gedichten in Wahrheit sind.

          Birgit Lermen ist Professorin für neuere deutsche Literatur an der Universität Köln und hat sich intensiv mit der Lyrik nicht nur dieses Jahrhunderts befaßt. Michael Braun ist Leiter des Referats Literatur der Konrad-Adenauer-Stiftung und hat mit einer Arbeit über Hilde Domins Lyrik und Poetik promoviert. In ihrem souverän geschriebenen Buch skizzieren Lermen und Braun zunächst Domins literarischen Werdegang, wobei sie betonen, daß diese Autorin weniger die "Dichterin der Rückkehr" (Gadamer) als vielmehr die Dichterin des fortdauernden "Treibens auf den bittersten Wassern der Zeit" (Meller) ist. Die "Exilerfahrungen", die mit den ersten vier Gedichtinterpretationen vergegenwärtigt werden, motivieren ihr "politisches Engagement", das mit weiteren vier Interpretationen vor Augen geführt wird, und sie bestimmen auch Hilde Domins Sprachreflexionen, die in wiederum vier Interpretationen nachvollzogen werden: "Eine Rose", nämlich die Dichtung in der Muttersprache, dient ihr "als Stütze"; aber was ist das für ein Halt, zumal "die Muttersprache", wie Hilde Domin 1951 bemerkte, auch "die Sprache der Verfolger" ist.

          Vier weitere Interpretationen konzentrieren sich auf die Verwendung biblischer Motive in Domins Gedichten, und zwei gelten schließlich den existentiellen Grenzerfahrungen, die sich in diesen Gedichten artikulieren: der immer drohenden Kriegsgefahr, der Unausweichlichkeit des Todes, der Endlosigkeit der Klage ("Ein Vogel ohne Füße ist die Klage / kein Ast, keine Hand, kein Nest").

          Die philologischen Analysen, die allemal in perspektivenreiche Interpretationen übergehen, lassen kaum etwas zu wünschen übrig. Sie machen deutlich, welch feinfühligem und genauem verbalen und rhythmischen Kalkül sich der ansprechende Ton von Hilde Domins Gedichten verdankt; sie zeigen, welche Fülle an geschichtlicher Erfahrung, politischer Reflexion und literarisch-philosophischer Bildung in diese Texte eingeflossen ist; und sie stellen vielerlei profilierende Bezüge zur Lyrik unserer Zeit und früherer Epochen her. Was allenfalls fehlt, sind Ansätze einer kritischen Betrachtung, gleichviel wohin sie geführt hätten. Gedichte wie "Unaufhaltsam" und "Abschaffung des Befehlsnotstands" hätten - bei allem Respekt vor der politischen Besorgnis und vor dem poetischen Vermögen der Autorin - vielleicht doch eine kritische Befragung hinsichtlich ihrer gedanklichen Evidenz und ästhetischen Geglücktheit verdient. HELMUTH KIESEL

          Birgit Lermen/Michael Braun: "Hilde Domin. Hand in Hand mit der Sprache". Verlag Bouvier, Bonn 1997. 199 S., br., 29,80 DM.

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