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Rezension: Sachbuch : Vier Stunden für den Nachlass

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Schicksal einer Begabung: Käthe Vordtriedes Briefe aus dem Exil

          Käthe Vordtriedes Biografie hätte eine exemplarische werden können: beispielhaft für eine Frau, die sich am Jahrhundertanfang aus den Rollenbeschränkungen befreien konnte. Die Fabrikantentochter, Jahrgang 1891, heiratete mit neunzehn Jahren einen Geschäftsfreund ihres Vaters (oder wurde mit ihm verheiratet), bekam zwei Kinder und trennte sich von ihm. Die alleinerziehende Mutter ohne Beruf biss sich durch, erst als Sekretärin an der Freiburger Universität, dann bei der sozialdemokratischen Zeitung "Volkswacht", deren erste Redakteurin sie wurde. Sie machte Wahlkampf für die SPD und kandidierte für den Landtag. Was hätte aus ihr werden können - eine Alice Schwarzer, eine Hamm-Brücher? Sie wurde: eine Jüdin.

          Zu der machten sie Hitlers Rassengesetze; eine todbringende Rollenzuweisung. Der Deportation entging Käthe Vordtriede nur knapp; auf abenteuerliche Weise gelangte sie 1939 in die Schweiz. Ihre Kinder hatte sie schon vorher in Sicherheit bringen können; dem Sohn Werner, der in den Vereinigten Staaten studierte und später Romanistikprofessor wurde, schrieb sie die Briefe, die hier versammelt sind. In Freiburg hatte sie hellwach und voller Empörung die Verwandlung ihres Umfeldes unter dem Druck der Gleichschaltung registriert, aber auch, ähnlich wie Victor Klemperer, keinen der kleinen Akte von Zivilcourage vergessen, die es eben auch gab. Als sie etwa ihre Wohnung ausräumte, halfen ihr einige Nachbarn; der Hausmeister notierte sich alle Namen der "Judenfreunde". In der Schweiz wird der Ton der Briefschreiberin schärfer, in dem Maße, wie ihre Angst wächst, nicht mehr rechtzeitig herauszukommen; denn sie ist völlig überzeugt davon, dass Hitler sich auch die Schweiz einverleiben wird. Ihre Existenz in Frauenfeld ist höchst prekär; zwar hat sie einflussreiche Freunde, kann aber, als ihr Aufenthaltsrecht erloschen ist, von jedem Dorfpolizisten verhaftet oder über die Grenze verschoben werden - in den sicheren Tod. Aus dieser Perspektive erklären sich die harten Sätze über die "verhitlerte Schweiz", über die "Unkultur" und den "Hoteliersgeist" der Schweizer. "Die Frauenfelder werden mich Hitlern, wenn er kommt, für ein gutes Glas Bier ausliefern", schreibt die immer mehr verzweifelnde Emigrantin. Schließlich sind doch noch alle nötigen Visa, Bürgschaften und Mittel beisammen - die ermüdenden, aber lebenswichtigen technischen und bürokratischen Details nehmen großen Raum in den Briefen ein. Kurz vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten gelingt Käthe Vordtriede die Schiffspassage über den Atlantik.

          In New York schlägt sie sich als Putz- und Kinderfrau durch; es ist ein "in allen Ehren bescheidenes Proletarierdasein", wie sie in dem ihr eigenen Galgenhumor schreibt. In Wahrheit wird sie ausgebeutet, von reicheren Emigranten, Wiener Juden, an denen sie nur auf dem Papier, mit Hilfe ihrer Formulierungsschärfe, Revanche nehmen kann. Von der bleibt niemand verschont, nicht einmal der Sohn. Auch wenn der Herausgeber Manfred Bosch (Nachwort und Anmerkungen sind ihrerseits exemplarisch in ihrer Sorgfalt und Dichte) Familienkonflikte aus dem Buch herausnehmen wollte, sind doch einige Stellen erhalten geblieben, in der die verständliche Verbitterung der Mutter sich über den Sohn ergießt.

          Sie stirbt, 73 Jahre alt, kurz bevor sie in ein deutsches Altersheim verlegt werden sollte. "Mein Nachlass soll dich nicht mehr als vier Stunden kosten", hatte sie in einer harschen Briefpassage den Sohn angeraunzt. Den bedeutendsten Teil dieses Nachlasses, 130 Briefe, hatte er ja bereits; sie gingen nach dem Tod Werners ans deutsche Literaturarchiv in Marbach, wo Bosch sie dann aufgestöbert hat. Es ist eine bewegende Lektüre, bei der niemand die Stunden zählen wird. Käthe Vordtriede hat ein klares politisches Urteil, einen genauen Blick für menschliche Größe und Niedertracht, einen erfrischenden Sarkasmus und das, was man früher "Mutterwitz" genannt hat. Diese Briefauswahl ist das Zeugnis einer großen Begabung, die sich nicht entfalten konnte und in ihren Äußerungen auf das Private beschränkt bleiben musste. Wenn man will: eine gemordete publizistische Existenz.

          MARTIN EBEL

          Käthe Vordtriede: "Mir ist es noch wie ein Traum, dass mir diese abenteuerliche Flucht gelang ..." Briefe nach 1933 aus Freiburg im Breisgau, Frauenfeld und New York an ihren Sohn Werner. Mit einem Nachwort von Manfred Bosch. Libelle Verlag, Lengwil 1998. 396 S., br., 44,- DM.

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