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Rezension: Sachbuch : Vielleicht sagt es dem Professor zu

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Reichlich seltsamer Geschmack: Kurt Flasch serviert Kostproben von 1914 / Von Patrick Bahners

          4 Min.

          Auf den "Festtag" des 28. August 1999 hat Kurt Flasch das Vorwort seines neuen Buches datiert. Er stellt sich auf die Seite Goethes, des Weltbürgers, Ironikers und souveränen Individuums, auch des Kritikers des Christentums, und markiert damit den weitestmöglichen Abstand zu den Nationalisten und Pathetikern, die im August 1914 von deutschen Kanzeln und Lehrkanzeln die Verschmelzung der Deutschen zum großen Ganzen zelebrierten. Aber er weiß natürlich, dass die Kriegsredner auch Goethe zur Fahne riefen. Dass die Deutschen das Volk der Unendlichkeit seien, legte Rudolf Eucken im Sommer 1914 in einer Rede über die weltgeschichtliche Bedeutung des deutschen Geistes dar, sei von Nikolaus von Kues zuerst ausgesprochen und im "Faust" gestaltet worden. Friedrich Meinecke, der am 4. August 1914 eine von Flasch interpretierte Meditation über Politik und Kultur niederschrieb, schlug nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor, die Deutschen sollten sich zur Besinnung über ihre Katastrophe in Goethe-Gemeinden sammeln. Heutige Barbaren, die sich dadurch als Kulturwissenschaftler zu qualifizieren glauben, dass sie ihren Großvätern die Verklärung der Kultur vorwerfen, spotten über Meineckes Ratschlag. Auch Flasch schildert mit erhellender Nüchternheit das Behagen der Bildungsbürger in der Kultur, das Sonderreich des Geistes, das ihnen die Politik vom Leibe hielt, das Wolkenadlerheim von Ordinarien, die über allem schwebten und über alles redeten. Und doch darf man vermuten, dass, träte in Mainz ein Kapitel von Meineckes Goethe-Kirche zusammen, auch Kurt Flasch zu einem Leseabend erschiene, und wäre es aus Neugier. Indem er an Goethes Geburtstag sein Werk in die Welt schickt, gibt der Autor zu erkennen, dass über die deutschen Intellektuellen und den Ersten Weltkrieg ein deutscher Intellektueller schreibt, den der Stoff nicht loslässt, den er begreifen will.

          Das bemerkenswerte und merkwürdige Buch leistet einen Beitrag zur Methodendebatte der Geisteswissenschaften, der nicht theoretischer, sondern praktischer Natur ist. Es demonstriert eine seltene Haltung: Distanz fällt hier ineins mit dem Engagement. Mit dem Goethewort, nur die Lumpe seien bescheiden, wehrt Flasch im Vorwort die fiktive Einrede ab, es sei anmaßend, nach Jacob Burckhardts "Kultur der Renaissance in Italien" noch einmal einer kulturgeschichtlichen Untersuchung den Untertitel "Ein Versuch" zu geben. Die Koketterie macht stutzig. Legt der Verfasser die Messlatte nicht gefährlich hoch? Auf die Verwechselbarkeit der beiden Projekte muss man schon gestoßen werden. Zuwenig haben Flaschs locker gereihte Betrachtungen mit der strengen Ordnung von Burckhardts Entwurf gemein, dessen Form die Zentralperspektive bestimmt, die sein Thema ist. Wo Burckhardts Epochenpanorama Vollständigkeit vorspiegelt, im Sinne zwar nicht des sachlich Erschöpfenden, aber des künstlerisch Befriedigenden, da gibt Flasch Splitter: hauptsächlich Glossen zu Kriegsschriften, aber auch späteren Werken etwa von Ernst Troeltsch und Max Scheler, knappste Stichworte zu "Themen" und "Tendenzen". Das Methodenkapitel steht in der Mitte, wird aber zerrissen von einem weiteren biografischen Abriss, der sich in ein Stück Autobiografie verwandelt: Kurt Flasch gehört zu den wenigen lebenden Personen, die Kurt Riezler, den Ratgeber Bethmann-Hollwegs, noch erlebt haben, 1954 bei einem Vortrag in der Frankfurter Universität. Formal sind Burckhardt und Flasch himmelweit entfernt, aber gerade dieser Graben weist den neuen Versuch als Gegenbild zum Klassiker aus.

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