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Rezension: Sachbuch : Vielleicht rette ich meinen Heimatstaat

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Wohl noch nie etwas von Nationalismus gehört, der gute Aufklärer / Von Dieter Langewiesche

          4 Min.

          Zur Rach' erwacht! Zur Rach' erwacht! / Der freie deutsche Mann! / Trompet' und Trommel, ruft zur Schlacht! / Weht Fahnen, weht voran! / Der Engel Gottes schwebt daher / Auf Wolken Pulverdampf, / Schaut zornig in der Feinde Heer, / Und schreckt sie aus dem Kampf!"

          Als Johann Heinrich Voß 1774 mit diesem "Trinklied für Freie" eine Niederlage Frankreichs im Spanischen Erbfolgekrieg zum gottwohlgefälligen Triumph "fürs Vaterland" verklärt, reiht er sich ein in den großen Kreis von Aufklärern, deren militante Töne die Forschung gerne überhört. Den Patriotismus einer kosmopolitischen Aufklärung vom Nationalismus des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts scharf abzusetzen gehörte zur politischen Aufklärungsarbeit einer Geschichtswissenschaft, die durch den Schrecken der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs geprägt war. Erst jetzt wird wieder entdeckt, was die Alten wussten: Der Wille zur Nation eint, indem er ausgrenzt.

          Nationen entstehen im Angesicht des Feindes. Daran lässt die jüngere Forschung keinen Zweifel zu. Ihr Anspruch, damit etwas Neues zu sagen, lebt allerdings vom Vergessen. "Was ist eine Nation?", fragte 1882 Ernest Renan. Die Antwort, die er in seinem berühmten Vortrag im Collège de France gab, ist unmissverständlich zweideutig: Solidargemeinschaft und zugleich Kampfgemeinschaft, geeint in einem "Pakt auf Leben und Tod". Um den Glauben daran zu erzeugen und lebendig zu erhalten, bedarf es der wortmächtigen Gebildeten. Zu deren gewaltverherrlichendem Wortdienst an der Nation gehört Voß' "Trinklied". Es feiert den Krieg als blutigen Gottesdienst und stellt ihn dem alttestamentarischen Heilsgeschehen an die Seite. Das göttliche Strafgericht, das einst die Feinde des auserwählten Volkes im Roten Meer vernichtete, erleiden nun die Feinde des deutschen Vaterlandes im Rhein. Der Dichter kündet von einem Krieg, den erst zwei Jahrzehnte später die Französische Revolution "erfinden" wird: Volkskrieg im Namen der Nation, die Freiheit verheißt und Bereitschaft zum Opfertod im Kampf gegen die Feinde verlangt.

          Das Doppelgesicht des Nationalen enthüllt Hans-Martin Blitz nun für das Zeitalter der Aufklärung. Nach einem Rückblick auf die literarische Gestaltung nationalen Eigenbewusstseins seit dem Humanismus untersucht er in vier Themen- und Zeitblöcken, wie eine schmale Bildungselite die deutsche Nation als Zukunftsideal entwarf, lange bevor es einen deutschen Nationalstaat gab.

          Die Frühaufklärung, darin widerspricht er energisch und überzeugend der geläufigen Meinung, darf nicht auf das Bild einer kosmopolitischen Friedfertigkeit verengt werden. In den zahlreichen Hermannsdramen wird "der nationale Mythos der siegreichen Germanen" erfolgreich vermarktet. Sich diesem Thema zuzuwenden sicherte die Aufmerksamkeit der literarischen Öffentlichkeit. Das vaterländische Erziehungsprogramm dieser Dramen lebt von einem Freund-Feind-Denken, das in Vernichtungsphantasien schwelgt. Imaginiert als Abstammungsgemeinschaft, verlangt die Nation Einheit auch nach innen. Sie tritt zwar noch nicht als Freiheitsforderung gegen den Absolutismus auf, doch die bürgerliche Nation, zu erkennen am Ideal der Gemeinnützigkeit und der Idee der Nation als Familie, schiebt sich vor die dynastische.

          Der Siebenjährige Krieg, die zweite Untersuchungsphase, politisierte den Diskurs über die Nation und erweiterte ihn sozial über die Gebildeten hinaus, wenngleich Blitz Imaginationen, nicht Wirkungen untersucht. Publizistik, Predigten und Briefe sind nun die Medien, in denen der nationale "Krieg der Feder" den dynastischen "Krieg mit den Waffen" begleitet und moralisch rechtfertigt.

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