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Rezension: Sachbuch : Viel Lärm um den leisen Ton des Katechon

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Die Macht des Wortes beschwor den unbekannten Retter: Wie Carl Schmitt Sozialismus und Liberalismus aufhalten wollte

          Das Wort Katechon ist griechisch - eine Sprache, die heute kaum noch jemand kann. Es stammt aus dem Neuen Testament, aus einem Buch also, das auch von immer weniger Menschen zur Kenntnis genommen wird. Carl Schmitt müßte nicht Carl Schmitt gewesen sein, wenn ihm daher dieses Wort nicht behagt hätte, und demgemäß hat er es, mit der Aura des Geheimnisses umgeben, gelegentlich in seine Schriften einfließen lassen oder ausgewählte Gesprächs- und Briefpartner darauf als auf etwas besonders Exquisites aufmerksam gemacht. Kein Wunder also, daß sich die heute immer weiter um sich greifende Carl-Schmitt-Exegese auch dieses Begriffes bemächtigt.

          Bevor zwei dieser Versuche hier vorgestellt werden, muß man erläutern, worum es sich handelt - so schrecklich geheimnisvoll ist das nämlich alles gar nicht. Im Zweiten Brief an die Thessalonicher ist die Rede vom Antichrist, der vor der Wiederkunft Christi eine Zeitlang herrschen werde und von Christus nur schwer zu unterscheiden sei. Um die Herrschaft des Antichristen hinauszuschieben, werde ein Prinzip oder eine Person kommen, die dieses Schrecknis verhindern könne; das griechische Wort "katechein" heißt: aufhalten. Der oder das Katechon ist folglich der oder das Aufhaltende.

          Hatte die Lehre vom Katechon im christlichen Mittelalter insofern große Bedeutung, als Jüngstes Gericht und Antichrist allgemein als reale Zukunftsereignisse betrachtet wurden und es nur darum ging, welche Mächte unter dem Antichristen und dem Katechon zu verstehen seien, so war er später nur noch ein innertheologisches Problem, um schließlich in Carl Schmitts Sprachgebrauch eher metaphorisch verwandt zu werden. Es ging ihm darum, nach geistigen oder politischen Kräften Ausschau zu halten, die in der Lage wären, die Entwicklung hin zu Liberalismus oder Sozialismus aufzuhalten. Da bot es sich an, diejenige Kraft als den Katechon zu bezeichnen, die sich einer Moderne entgegenstellen könnte, die dann ihrerseits metaphorisch als der Antichrist bezeichnet werden konnte. Die Frage war nur, ob es einen Katechon geben und wer der sein werde.

          Weitaus mehr aber wollen Felix Grossheutschi und Bernd Laska aus Carl Schmitts verstreuten Äußerungen herausholen. Grossheutschi gibt zunächst einen Abriß der Geschichte des Katechon-Begriffs bis zur frühen Neuzeit - für eine erschöpfende Darstellung zu kurz und für Carl Schmitts Denken wenig ergiebig. Zwar geht der Autor im zweiten Teil methodisch richtig vor und spricht alle Schmittschen Katechon-Äußerungen in chronologischer Folge durch, aber das Ergebnis ist höchst mager. Was Carl Schmitt hinsichtlich des Katechon sage, sei nämlich "nicht ganz verständlich", "etwas merkwürdig", "fällt etwas aus dem Rahmen", erlaube "verschiedenste Interpretationen" und gehe "in eigenartiger Weise" vor - und das Fazit lautet, die Erwartungen hätten sich "nur zum Teil erfüllt".

          Schuld daran soll Carl Schmitt sein, denn "nicht jede Verwendung des Katechon in Schmitts Werk ist auf der Höhe des Begriffs". Sollte sie das denn sein? Schon mit der Heranziehung moderner Theologie im begriffsgeschichtlichen Teil greift der Autor ins Leere; beim Versuch, die hingeworfenen metaphorischen Bemerkungen in ein stringentes System zu bringen, wiederholt er sich.

          Bernd Laska dagegen sieht den Gebrauch des Katechon bei Schmitt als Folge seiner Rezeption Max Stirners, der der eigentliche Gegenstand der Bemühungen Laskas ist. Schmitt sei Stirner in zwei existentiellen Krisen begegnet, zu Beginn seines Studiums in Berlin 1907 und in amerikanischer Haft nach dem Zweiten Weltkrieg. Für beides gibt es Belege, höchst fraglich sind jedoch die Folgerungen, die Laska aus ihnen zieht. Max Stirner sei die geistige Größe, die auf Carl Schmitt dessen ganzes Leben lang gewirkt habe. "Unausgesprochen" (denn Schmitt erwähnt Stirner nicht) hätten "Stirners Ideen im Hintergrund der zentralen Begriffskonzeption" des "Feindes" bei Schmitt gestanden. Als "Feind" habe er Stirner empfunden, als den "Antichristen", der ihn in der Not bedrängt habe und gegen den nur er selbst als Katechon habe wirken können.

          Man kann es also weit treiben, wenn man Stirner-Fan ist; dann kann man eine entscheidende Prägung sogar aus der Nichtexistenz von Erwähnungen folgern, und so ist dann alles möglich. Eine bestimmte Art von Schmitt-Ausdeutungen stößt allmählich an ihre Grenze. Schmitt liebte das Geheimnis bis zur Geheimnistuerei, und es hätte ihn gewiß amüsiert, welch Mühe man sich heute mit einer Metapher geben, die er verwendete, um seinem Unbehagen an der Gegenwart und seinen bedingten Hoffnungen auf die Zukunft Ausdruck zu verleihen. In ein System preßte er sie nicht, und erst recht nicht wandte er sie gegen einen Feind an, den er als solchen in diesem Zusammenhang gar nicht nannte. Die Metapher des Katechon steht eher für die Resignation angesichts einer Entwicklung, die man zwar verabscheut, deren Kommen man aber für unausweichlich hält und deren Eintritt allenfalls hinausgeschoben werden kann. Carl Schmitt war nicht der einzige, der so dachte, und lohnend wäre kein weiteres Ausufern der Carl-Schmitt-Philologie, sondern der Vergleich mit zeitgenössischen Parallelen. WOLFGANG SCHULLER

          Felix Grossheutschi: "Carl Schmitt und die Lehre vom Katechon". Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Band 91. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 1996. 125 S., br., 72,- DM.

          Bernd A. Laska: ",Katechon' und ,Anarch'". Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner. Stirner-Studien, Nr. 3. LSR Verlag, Nürnberg 1997. 112 S., br., 20,- DM.

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