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Rezension: Sachbuch : Viel Frau, viel Ehr'

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Gert Raeithel führt das Sündenregister der Mormonen

          Emma Smith war die erste Frau des Mormonengründers Joseph Smith, und das war ihr Pech. Ihre Familie verabscheute den zukünftigen Gatten, weil er vor seiner Zeit als Prophet sein Geld als Schatzsucher verdiente. Emma, die "Auserwählte", folgte ihrem Mann. Sie half ihm, als er 1827 einige Goldplatten ausgrub - die als "Buch Mormon" das Leben der Sekte bis heute bestimmen. Sie floh vor den ersten Unruhen in Missouri, während ihr Mann sich herumtrieb. Sie baute in Illinois, in der Mormonensiedlung Nauvoo, eine neue Heimat auf und verlor ein Kind an das Sumpffieber. Das alles verwand sie. Die Polygamie aber machte sie fast wahnsinnig. 1843 hatte Smith die Vielweiberei zum religiösen Dogma erhoben. Nach dem Urteil des Münchner Amerikanisten Gert Raeithel war das nichts anderes als der Versuch, die Libido des Sektengründers zu legitimieren. Emma parierte Josephs Seitensprünge mit Streiten, Schlägereien, Selbstmorddrohungen. Es heißt, sie habe ihrem Mann sogar Gift in den Kaffee gemischt.

          Rebellion und Häresie sind in Gert Raeithels "mormonischen Lebensläufen" fast immer Frauensache. Die mormonische Historikerin Fawn Brodie veröffentlichte 1945 die erste kritische Biographie über Joseph Smith. Sonia Johnson marschierte 1978 für die Rechte der Frauen bei den Mormonen. Beide wurden exkommuniziert. Johnson, die sich als Feministin und Mormonin fühlte, eröffnete schließlich in New Mexico eine Frauenkommune und bekannte sich zur lesbischen Liebe. In fünfzehn biographischen Skizzen schlachtet Raeithel die haarsträubenden Details so genüßlich aus wie ein Boulevardmagazin Harald Juhnkes jüngstes Delirium. Und besonders ergiebig ist dafür die Polygamie: Joseph Smith heiratete etwa vierzig Frauen. Sein Nachfolger Brigham Young brachte es auf siebzig; allein der Eßtisch in seinem Haus war dreizehn Meter lang, und er selbst lebte nach dem Grundsatz, daß "ein Mann, der nur eine Frau hat, bald anfängt, zu verwelken und zu vertrocknen". Unzucht mit Kindern, Geschwisterliebe, Ehen zwischen Onkel und Nichte, Polyandrie - alles war möglich. Die sexuellen Gepflogenheiten der Mormonen summierten sich zu einem Katalog ewiger Männerphantasien, die bei den Zeitgenossen Neid, Moralgefühl und Ablehnung, die bis zum Pogrom reichte, provozierten.

          Raeithels Buch ist drastisch in den Schilderungen und polemisch im Ton: Seine Porträts sind mit kräftigen Strichen entworfen, prall und farbenfroh. Ab und an allerdings erliegt der Historiker den voyeuristischen Versuchungen des Themas: Dann wird die Parade lüsterner Rauschebärte und religiöser Eiferer zur Freakshow. In seinen besten Momenten aber vermittelt das Buch einen Eindruck von der stickigen Enge des Sektenlebens. Denn die männliche Freizügigkeit korrespondierte mit der sexuellen Prüderie bei der Erziehung der Mädchen: "Girls, jedesmal, wenn euch ein Junge küßt, ist das so, als würde jemand die Butter vom Brot lecken", wurde den Mädchen bei den "Keuschheitsabenden" noch in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts ans Herz gelegt. Heute sind die Mormonen vehemente Abtreibungsgegner. Frauen dürfen nicht predigen, sondern sind dazu angehalten, dem Herrn vor allem durch Gebärfreudigkeit zu gefallen.

          Gerade diese "Flucht aus der Freiheit in ein weniger mobiles und individualistisches Leben" (Raeithel) macht die Anziehungskraft der "Heiligen der letzten Tage" bis heute aus. Unter den 2500 Glaubensgemeinschaften in Amerika sind sie die am schnellsten wachsende Kirche. Utah ist zu siebzig Prozent mormonisch. Mormonen besetzen hohe Positionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Die jährlichen Einnahmen der Kirche liegen bei fünf Milliarden Dollar. Dennoch hält Raeithel die Machtfülle der Mormonen für stark überschätzt: "In den meisten Staaten sind die Heiligen der letzten Tage ohne nennenswerten politischen Einfluß."

          Zwar scheint es - auch angesichts der laufenden Sektendiskussion - gefährlich, die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Mormonen zu bagatellisieren. Doch gibt es keine Hinweise darauf, daß die "Heiligen der letzten Tage" ihre Macht mißbrauchen würden. Der anfängliche Haß auf die Vereinigten Staaten, der die Mormonen ins damals noch mexikanische Utah getrieben hatte, ist verflogen. Die Mormonen sind keine uramerikanische Sekte, aber sie akzeptieren den Staat. Ihr Sozialkonservatismus ist nicht radikaler als der anderer Gruppierungen. Und die Polygamie wurde - offiziell - immerhin schon vor hundertzehn Jahren abgeschafft.

          Heute leben etwa 50000 Menschen in den Vereinigten Staaten und Kanada in der Vielehe. Die offizielle Kirche spricht nicht gern darüber. Satt und etabliert erinnert sie sich nicht gern an die unruhigen Anfangsjahre. So wie auch Emma Smith: Nach dem Ableben des polygamen Propheten eröffnete sie ein florierendes Hotel in Illinois, setzte Gewicht an und schwor Stein und Bein auf die Treue ihres Gatten. SONJA ZEKRI

          Gert Raeithel: "Amerikas Heilige der letzten Tage". Mormonische Lebensläufe. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1997. 238 S., Abb., geb., 36,- DM.

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