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Rezension: Sachbuch : Verstehen Sie meinen Verrat bitte nicht falsch

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Wenn die folgende historische Darstellung dennoch nicht umhinkommt, auch von den Gewaltakten der Kolonialpioniere zu sprechen, dann begründet sie dies stets mit dem "Verrat" der Wilden, sich nicht an getroffene "Vereinbarungen" zu halten und daher zu militärischer Landnahme zu nötigen. Mit solchen Strategien nehmen die Geschichtsbücher wichtige politische Funktionen wahr und werden Teil der Herrschaftspraxis, von der sie erzählen. Sie konstruieren die koloniale Wirklichkeit, aus der sie selbst hervorgegangen sind. Auf diese doppelte Beziehung weist schon der Genitiv in Hofmanns Titel hin. "Die Konstruktion kolonialer Wirklichkeit" läßt sich zweifach lesen: Die untersuchten Texte sind diskursive Produkte wie Produzenten der französischen Antillen. Auch Ulla Haselsteins Untersuchung zur literarischen Textpraxis in Nordamerika führt einen Genitiv im Titel, der bereits eine entscheidende Pointe setzt: "Die Gabe der Zivilisation" zeigt an, daß den Wilden mit jeder noch so wertlosen Spiegelscherbe die Zivilisation selbst gegeben werden soll - eine brauchbare Rechtfertigung der kolonialistischen Urszene.

Doch Haselsteins Interesse, das hier direkt an Greenblatt anschließt, geht weit darüber hinaus. Dieselben Darstellungen lassen sich zugleich als Zeugnis des Betrugs an unschuldigen Naturmenschen lesen und eröffnen so die Möglichkeit zur Kritik an europäischen Ordnungssystemen. Damit aber wird die Gabe der Wilden "zur kontroversen Figur, die das Gegebene der eigenen Kultur in Frage stellt". Dem Konzept von Marcel Mauß ebenso wie Derrida verpflichtet, werden unter dieser doppelten Perspektive drei Fallstudien durchgeführt: Mary Rowlandsons "Captivity Narrative" von 1682, James Fenimore Coopers historischer Roman "The Wept of Wish-Ton-Wish" (1829) und "Incidents in the Life of a Slave Girl" (1861), der autobiographische Leidens- und Emanzipationsweg von Harriet Jacobs.

So unterschiedlich das jeweilige Genre und so weitgespannt der historische Bogen auch ist, alle drei Texte kreisen um historische Mittlerfiguren, die als Gefangene, Geflohene oder Gefundene die kolonialen Grenzen überschreiten und dabei kulturelle Tauschszenarien durchkreuzen. Nach dem Muster biblischer Exils- und Heilsgeschichte erzählt der puritanische Bericht aus dem siebzehnten Jahrhundert von der Entführung einer Siedlerin durch die Indianer. Den Wilden ausgeliefert, gerät Rowlandson in eine prekäre Position: Standhaft die göttliche Prüfung erduldend, paßt sie sich fürs Überleben gleichwohl der Lebensweise ihrer Peiniger strategisch an.

Doch solche mimetische Leistungen finden sich auch auf der anderen Seite. Vom Kontakt mit Europäern nachhaltig geprägt, haben etliche Indianer den christlichen Glauben angenommen - wie Rowlandson allerdings annimmt, ihrerseits nur in strategischer Absicht. Die unterstellte Hinterhältigkeit der sogenannten "Praying Indians", welche die Gabe der Religion nur zum Schein akzeptieren, ist das inverse Spiegelbild der Geisel, die zur Überläuferin zu werden droht. Ihr Text, allen Täuschungsversuchen vergeblich trotzend, zeigt jedenfalls den problematischen Ort des Sprechens zwischen den Kulturen. Unter anderem politischen Problemdruck unternehmen auch die Texte aus dem neunzehnten Jahrhundert solche ungesicherten Experimente in Akkulturation durch Grenzgängerfiguren.

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