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Rezension: Sachbuch : Verseschmied am Gefahrenherd

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Franz Baermann Steiner rang der Katastrophe sein Werk ab

          6 Min.

          Vor zwei Jahren richtete das Deutsche Literaturarchiv Marbach eine kleine, aber höchst bemerkenswerte Ausstellung aus, die dem Freundeskreis H. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner im englischen Exil galt. Von diesem Trio ist der frühverstorbene Steiner (1909 bis 1952) sicherlich am wenigsten bekannt. Das Werk des hochgelehrten und äußerst produktiven Ethnologen und Schriftstellers ist allenfalls in Fachkreisen ein Begriff. Erich Fried schätzte ihn ebenso wie Theodor W. Adorno, und Canetti hat gegen Ende seines Lebens noch einmal die Geistesverwandtschaft mit Steiner hervorgehoben. Daß Steiner als Aphoristiker wie als Lyriker nach wie vor als Geheimtip gilt, liegt nicht zuletzt an der Editionslage seiner Werke. Zwei längst vergriffene Lyrikbände aus der Nachkriegszeit verstauben in den Bibliotheken, ein schmaler Auswahlband ist 1988 im kleinen Stuttgarter Flugasche-Verlag unter dem Titel "Fluchtvergnüglichkeit" erschienen.

          Nun haben Jeremy Adler und Richard Fardon die wichtigsten Schriften Steiners in einer englischen Ausgabe greifbar gemacht. Der erste Band enthält die einflußreiche Tabu-Studie und kleinere religionswissenschaftliche Arbeiten, der zweite teilweise unveröffentlichte wissenschaftliche, aphoristische und dichterische Texte sowie einige kurze politische Schriften. Ergänzt werden beide Bände durch interessantes Bildmaterial (unter anderem von Steiner selbst fotografierte Aufnahmen während einer ethnographischen Reise nach Ruthenien) und Erinnerungen der Kollegen und Freunde Mary Douglas und M. N. Srinivas. Das eigentlich Bemerkenswerte aber an dieser Ausgabe, der hoffentlich bald ein deutsches Äquivalent folgen wird, sind die ausführlichen Einleitungen der Herausgeber, die zusammengenommen als erste Biographie Steiners überhaupt gelten können.

          Als Sohn einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie wird Steiner wie sein um ein Jahr jüngerer Jugendfreund Adler in den intellektuell brodelnden Mikrokosmos des "deutschen Prags" von Kafka und Brod hineingeboren. 1928 beginnt er das Studium der vergleichenden Sprachwissenschaft; Anfang der dreißiger Jahre verbringt er ein entscheidendes Jahr in Jerusalem, wo er Arabisch lernt. Dann folgt die Hinwendung zur Ethnologie, die Steiner zunächst in Wien und später in England unter anderen bei Malinowski und Radcliffe-Brown studiert. Seit 1939 lebt er in Oxford, wo ihm im März der Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei die Rückkehr versperrt.

          In den folgenden Jahren vergräbt sich Steiner, der in Großbritannien nie wirklich heimisch werden sollte, in seine vielfältigen dichterischen und wissenschaftlichen Arbeiten. 1940, während die Stukas den englischen Himmel zerreißen, beginnt er sein lyrisches Hauptwerk, den autobiographischen Zyklus "Eroberungen", der wie seine zahlreichen anderen Gedichte zu Lebzeiten nie erscheinen wird. Gleichzeitig sammelt er wie besessen Material für eine Dissertation über Formen der Sklaverei, deren einziges Manuskript er 1942 bei einer Zugfahrt verliert. Steiner war kein Kind des Glücks.

          Wiewohl sein wissenschaftliches Werk nur als Torso vorliegt, lassen sich zentrale Gedanken rekonstruieren, die seine Wirkung auf die Zeitgenossen verständlicher werden lassen. Im Zentrum steht eine Theorie der Zivilisation, die um die anthropologische Ur-Tatsache der Gefahr konstruiert ist: Menschliches Handeln, sei es in religiöser oder ökonomischer Sphäre, läßt sich als Umgang mit "Werten" beschreiben. Die jeweilige kulturspezifische Einstellung zu bestimmten Werten wiederum, und also soziales Verhalten überhaupt, kann nur als Gefahrenverhalten ausgedrückt werden, und dies ist immer, insofern es lokalisiert wird, mit Tabus verbunden. Gefahren werden durch Tabus be- und eingegrenzt, oder besser: konzentriert.

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