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Rezension: Sachbuch : Vernunft, die Wahrheit dichtet

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Aufstand einer frommen Seele: Jacobi verteidigt den Glauben

          6 Min.

          "Und was wäre der Mensch! Eine Zusammensetzung nur aus Sinnen und Vernunft-Wahn; aus Wahn-Gesichten und aus Wahn-Ideen: jene und diese gebildet, und er selbst hervorgebracht, durch eine in sich leere, wesenlose Phantasie: hier eine erträumte Natur; dort ein erträumter Gott; und in der Mitte ein Verstand, der diesem Unwesen Mensch mühsam nur seinen Traum von Wahrheit am Ende zu der Wahrheit eines Traumes deutete, eines nothwendigen, ewigen und allgemeinen, aus welchem kein Erwachen sey als in ein allgemeines Nichts . . ."

          Man mag rätseln, ob hier ein bisher unbekanntes Dornenstück im Stile von Jean Pauls "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei" vorliege oder ein neuerlich entdecktes Fragment des frühen Nietzsche - die im Anschluß an eine "Weissagung" Lichtenbergs breit ausgemalte Schreckensvision einer Welt ohne Gott stammt von Friedrich Heinrich Jacobi. Nicht mit direkter Gottesleugnung setzt sich seine Schrift "Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung" auseinander, sondern mit dem lauernden Atheismus philosophischer Systeme, die sich selbst durchaus als theistisch verstehen. Die anthropologische Brisanz der Gottesfrage ist für Jacobi offenbar: Wer "von den göttlichen Dingen" spricht, handelt vom Menschen. Wer die "göttlichen Dinge" außer acht läßt, vergeht sich an der Humanität.

          Jacobi, der Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis für gleichursprünglich erachtet, führt eine Art anthropologisch-ästhetischen Gottesbeweis. Nicht in der "absoluten Productivität" der Natur sei Gott zu suchen, versichert er gegen Schelling, sondern im Menschen. Während die Natur Gott verbirgt, offenbart ihn der Mensch, indem er sich über die Natur erhebt. "Den Menschen erschaffend theomorphisirte Gott. Nothwendig anthropomorphisirt darum der Mensch" und darf darauf hoffen, daß seine anthropomorphen Ideen mehr als Phantasiegebilde sind. Jacobi glaubt fest an eine Vernunft, die "Wahrheit dichtet". Sein Freund Matthias Claudius fand schon die "bloße Idee" des Lebens Jesu, wie es die Evangelien überliefern, zum Sterben schön und des Martyriums für wert, und auch Jacobi hält Christus für einen zu genialen Einfall, als daß er nicht von Gott stammen könnte. Zustimmend zitiert er Claudius und erklärt den Verdacht der Fiktion zur bloßen Fabelei: "Wer das Herz auf der rechten Stelle hat, der liegt im Staube und jubelt und betet an!"

          Offenbarung ist Vernunft.

          Doch Jacobi beschränkt sich nicht auf die fromme Formel, er vertraut der Kraft des Arguments. Für die lange währende Debatte um das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung hält er eine Lösung bereit, die dem Durchschlagen des Gordischen Knotens gleichkommt: Er setzt beides gleich. "Offenbarung ist Vernunft", denn Offenbarung geschieht in der Vernunft, und Vernunft wird durch Offenbarung konstituiert. Vernunft ist das Vermögen der Voraussetzung eines verborgenen Grundes, der uns erst wahrheitsfähig macht, und in der Offenbarung ist der Begriff des Absoluten unserer Vernunft gegeben und durch ihn diese selbst. "Darum ist Vernunft haben, und von Gott wissen Eins." Der Mensch kann nicht "ich" sagen, ohne zugleich "Gott" (und "Natur") zu sagen, und ohne diese Geistes-Gegenwart Gottes wäre Vernunft nichts als ein "Vermögen der Verzweiflung".

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