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Rezension: Sachbuch : Verliebt in ein leeres Grundstück

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Strenge Rückblicke: Ryunosuke Akutagawas "Leben eines Narren"

          4 Min.

          Vermutlich braucht man nicht mehr als eine Stunde, um Akutagawas Text "Das Leben eines Narren" zu lesen, der in der vorliegenden deutschen Übersetzung 57 Seiten umfaßt. Doch der Umfang ist die eine, das Gewicht eine ganz andere Sache. Es scheint sich hier zu bewahrheiten, was schon des öfteren im Blick auf japanische Literatur beobachtet wurde - daß ihre besonderen Stärken in der Kürze liegen. (Auch wenn, was der Wahrheit zuliebe hinzugefügt werden muß, einige der großen Epen der Weltliteratur wie die "Geschichte vom leuchtenden Prinzen Genji" oder die "Geschichte von Aufstieg und Fall des Geschlechts der Taira" ebenfalls der japanischen Literatur entstammen.)

          Der Autor Ryunosuke Akutagawa (1892 bis 1927) gehört zu den wenigen japanischen Schriftstellern seiner Zeit, die schon zu Lebzeiten in westliche Sprachen übersetzt wurden. Akira Kurosawas preisgekrönter Film "Rashomon", der das japanische Kino nach dem Zweiten Weltkrieg schlagartig international berühmt machte, geht auf zwei Erzählungen dieses Autors zurück. Noch heute zählt Akutagawa zu den meistübersetzten Autoren seiner Sprache.

          Berühmt ist Akutagawa vor allem ob der Vielfalt und Vielschichtigkeit seiner literarischen Stoffe und der stilistischen Brillanz seiner historischen Erzählungen, Novellen, Humoresken, satirischen Prosaskizzen und Essays. Er schöpft aus japanischen Volkssagen ebenso wie aus der Bibel und kennt sich in der Literatur des ostasiatischen wie des okzidentalen Raums hervorragend aus. Westliche Leser werden bei der Lektüre seiner Texte selten jene Fremdheitserfahrungen machen, die ihnen den Zugang zu anderen, oft auch zeitgenössischen japanischen Autoren teilweise verstellen. Denn Akutagawa ist vor allem eins: ein moderner Intellektueller, dessen individuelle Erfahrungswelt uns so nah oder so fern ist wie, sagen wir, diejenige von Karl Kraus oder Elias Canetti.

          Akutagawa war kein Anhänger der seinerzeit so beliebten autobiographischen Bekenntnisliteratur. Er scheute davor zurück, das eigene Leben literarisch zu entblößen. Niemand stand der eindimensionalen Egozentrik des sogenannten "Ich-Romans" ferner als dieser selbstkritische Skeptiker, der seine Stil-Experimente mit kühlem Intellekt ausführte und zu dessen markantesten Texten jene Erzählung "Rashomon" zählt, in der die Unmöglichkeit der Wahrheitsfindung angesichts der Vielfalt einzelner Perspektiven demonstriert wird.

          Akutagawa hat in den letzten Monaten seines Lebens einige kurze Texte verfaßt, die gleichwohl eindeutig auf das eigene Leben Bezug nehmen. Dazu gehören die postum veröffentlichten Prosaskizzen "Zahnräder", ein Dokument von quälender Eindringlichkeit (es endet mit den Sätzen: "Ich habe nicht mehr die Kraft weiterzuschreiben. Es ist eine unsägliche Qual, mit diesem Gefühl zu leben. Findet sich denn niemand, der mich im Schlaf sacht erdrosselt?"), ebenso wie der vorliegende Text und eine "Notiz für einen alten Freund". Bei letzterer handelt es sich um einen Brief an einen Schriftstellerfreund, dem er die Hintergründe für seinen Freitod und seine Überlegungen hinsichtlich eines möglichst ästhetischen Abgangs, nicht zuletzt aus Rücksichtnahme auf seine Frau und seine drei Söhne, dartut. Auch diesen Text enthält der soeben erschienene Band.

          "Das Leben eines Narren" besteht aus 51 kurzen Stücken, die, in grob chronologischer Folge, einzelne Szenen und Momente dieses Künstlerlebens schlaglichtartig beleuchten. Das Stück Nummer 34 ist betitelt mit "Farbe": "In seinem dreißigsten Lebensjahr verliebte er sich unversehens in ein unbebautes Grundstück. Dort gab es nichts, lediglich zersplitterte Ziegel und Dachschindeln lagen verstreut auf dem moosbewachsenen Boden herum. Doch in seinen Augen war die Szene identisch mit einem Landschaftsbild von Cézanne. - Plötzlich erinnerte er sich an die leidenschaftlichen Gefühle, die ihn sieben, acht Jahre zuvor bewegt hatten. Und entdeckte gleichzeitig, daß er vor sieben, acht Jahren nichts über Farben gewußt hatte."

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