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Rezension: Sachbuch : Vergiß den Kerl doch endlich!

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Selten war der Ausdruck "Lebenswerk" so treffend wie bei Mary Wollstonecraft. Seit ihrem frühen Tod bei der Geburt der zweiten Tochter im Jahre 1797 galt das öffentliche Interesse stets den außerordentlichen Umständen ihres Lebens nicht weniger als den Thesen ihrer Schriften und dies durchaus nicht ohne eigenes Betreiben der Autorin.

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          Selten war der Ausdruck "Lebenswerk" so treffend wie bei Mary Wollstonecraft. Seit ihrem frühen Tod bei der Geburt der zweiten Tochter im Jahre 1797 galt das öffentliche Interesse stets den außerordentlichen Umständen ihres Lebens nicht weniger als den Thesen ihrer Schriften und dies durchaus nicht ohne eigenes Betreiben der Autorin. "Ich stellte fest, daß ich unvermeidlich die erste Person geben mußte", schrieb sie im Hinblick auf ihre autobiographischen Romane. Das gleiche gilt für ihre ungleich einflußreicheren politischen Werke, zumal die große Streitschrift "Eine Verteidigung der Rechte der Frau" von 1792, mit der sie, gerade dreiunddreißigjährig, in die Debatten jener Umbruchszeit eingriff und rasch europäischen Ruhm erlangte. Im selben Jahr ging sie in London zur Ehefrau der großen unerfüllten Liebe ihres Lebens, des Malers Heinrich Füßli, und schlug ihr ein Zusammenleben zu dritt vor. Als sie brüsk abgewiesen wurde, packte sie die Sachen, gab ihre Katze bei Nachbarn in Pflege und reiste als politische Korrespondentin nach Paris, wo die Revolution gerade in die Phase des blutigen Terrors überging. Dort sollte sie einige der produktivsten und wohl glücklichsten Jahre ihres Lebens verbringen.

          Ein "Experiment" hat Virginia Woolf die unbürgerliche Lebensführung von Mary Wollstonecraft genannt, und in der Tat sind die biographischen Geschichten, die von ihr überliefert sind, ebenso vielsagend wie zahlreich: wie der weltgewandte französische Aristokrat Talleyrand, dem die "Verteidigung" gewidmet war, von ihr in London mit Wein in Teetassen bewirtet wurde; wie sie den amerikanischen Politiker Thomas Paine bei einer Abendgesellschaft in eine so erregte Diskussion verwickelte, daß der englische Sozialkritiker William Godwin, der ebenfalls geladen war, kein Wort mit dem berühmten Menschenrechtsphilosophen wechseln konnte; wie sie eines Morgens in Paris empört die Blutlachen auf dem Place de la Revolution anprangerte, bis ein wohlmeinender Citoyen sie eilig auf die akute Gefahr für ihr eigenes Leben hinwies; wie sie nach ihrer Rückkehr nach London Gilbert Imlay, dem Vater ihrer kleinen Tochter, der mittlerweile Umgang mit einer jüngeren Geliebten pflegte, ebenfalls ein Arrangement à trois antrug. Immer wieder zeigt diese Intellektuelle sich als außergewöhnlich mutige, unkonventionelle und verzweifelt kämpferische Frau, der die Suche nach persönlicher Erfüllung mehr galt als die Rücksicht auf gesellschaftliche Regeln. Eine der ersten Frauen überhaupt, die von der Berufstätigkeit des Schreibens lebte und sich dazu aus bedrückend ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet hatte, waren ihre sozialkritischen Einsichten und reformerischen Ziele stets persönlicher und oftmals allzu leidvoller Erfahrung abgerungen.

          Aus diesem Grund war die postume Publikation weiterer ihrer Schriften gleich mit der Veröffentlichung einer ersten Biographie verbunden. Godwin, mit dem sie im Jahr ihres Todes noch die Ehe eingegangen war, verfaßte eine durchaus von Sympathie getragene Würdigung ihres Werdegangs, in der er gleichwohl rückhaltlos Details ihrer unehelichen Beziehung zu Imlay offenlegte. Die Öffentlichkeit war skandalisiert und reagierte mit einer Flut von Schmäh- und Spottschriften. Die Karikatur des sittenlosen und verderbten Weibsbilds bot nur den willkommenen Anlaß, sich über alle Forderungen nach Bildungschancen und Rechtsansprüchen für Frauen, die ihr Werk erhebt, selbstgerecht hinwegzusetzen. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit ihrer Hinterlassenschaft brach ab; was blieb, war die Erinnerung an ihre freie Liebe, der sich die folgende Generation der Romantiker hingab. 1814 verschwor die Tochter Mary Godwin Wollstonecraft sich am Grabstein ihrer Mutter mit dem jungen Dichter P. B. Shelley und entfloh mit ihm nach Paris, wo die gemeinsame Lektüre der glühenden Briefe an Imlay, wie das Tagebuch bezeugt, Höhepunkte ihres Liebeslebens setzte. Wenig später sollte ihnen das Zusammenleben zu dritt, das Mary Wollstonecraft einst vergeblich plante, eine zeitgemäße Antwort auf das Problem der bürgerlichen Ehe bieten.

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