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Rezension: Sachbuch : Verehrt, verraten - das Rätsel um ein deutsches Idol

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Zivilcourage in einer verbrecherischen Zeit: Der vergessene Rad-Weltmeister Albert Richter

          3 Min.

          September 1932: Der junge Kölner Albert Richter gewinnt in Rom den Weltmeistertitel im Sprint der Radamateure. Über Nacht wird er zum Idol der deutschen Sportfans. Ein Neunzehnjähriger, der hinter dem Rücken der Eltern Straßenrennen fuhr und die errungenen Preise unter dem Bett versteckte. Der wegen eines Sturzes, bei dem er einen Schlüsselbeinbruch erlitten hatte, seine Arbeitsstelle als Modelleur in einer Kunstfiguren-Fabrik verlor. Und der sich nun, als Sprintweltmeister, seinen Lebenstraum erfüllt: Radprofi zu werden.

          Albert Richter gewinnt durch seine offene Art und seinen facettenreichen Charakter schnell Anerkennung und Respekt in der internationalen Radsportszene - als Sportler und als Mensch. Als er etwa zweimal bei "Großen Preisen" in Paris das Opfer fragwürdiger Kampfrichterentscheidungen wird, stellen sich Publikum und andere Fahrer auf seine Seite. Weil in Deutschland damals kaum noch Profi-Sprintrennen ausgetragen werden, lebt er jetzt die meiste Zeit im Ausland und zieht mit seinen Kollegen von einem Wettbewerb zum nächsten. Der Niederländer Jef Scherens und der Franzose Louis Gérardin, die erfolgreichsten Radprofis seiner Zeit, werden über die Jahre seine besten Freunde. Besonders in Frankreich ist er bald populärer als zu Hause.

          Dort, im gleichgeschalteten Deutschland, rühmt die Fachpresse überschwenglich den "großen Mann, den Messias, auf den Deutschland so lange gehofft hatte". Richter erntet Gedichte und Lobeshymnen, das Fachorgan "Illus" schreibt über ihn: "Auf seinen Flügeln trägt er Ruf und Ruhm des Landes, das er sein Vaterland nennt." Albert Richter ist blond, blauäugig, ein strahlender Siegertyp. Eine ideale Propagandagestalt für das Regime. Mit einem entscheidenden Nachteil: Der Nationalsozialismus ist ihm ein Greuel.

          Auf Siegerfotos verweigert er inmitten hochgereckter Arme den Hitlergruß. Er läßt sich zusammen mit dunkelhäutigen Betreuern fotografieren. Er arbeitet weiter mit seinem jüdischen Manager Ernst Berliner zusammen, als der längst Berufsverbot hat. Die Aufforderung der Gestapo, seine ausländischen Gegner zu bespitzeln, weist er zurück: "Ich habe im Ausland nur Freunde, ich kann derartiges nicht tun." Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 kündigt Albert Richter an, Deutschland zu verlassen: "Ich bin ein Deutscher, aber für Deutschland kann ich nicht kämpfen, wenn es sich gegen Frankreich wendet. Ich gehe nach Frankreich, nicht um mich der Wehrpflicht zu entziehen, sondern um nicht auf Menschen schießen zu müssen, die ich liebe, die mich lieben und denen ich so viel zu verdanken habe."

          Albert Richter weiß, er spielt ein gefährliches Spiel. Täglich wächst der Druck, der Schutzschild seiner internationalen Erfolge wird zunehmend brüchig. Auf dringendes Anraten von Freunden entschließt er sich, in die Schweiz auszureisen. Am 31. Dezember 1939 besteigt er in Köln den D-Zug um 9.16 Uhr Richtung Basel - mit einem Koffer, seinem Bahnrad und ein Paar Ski. In seine Radreifen hat er 12700 Reichsmark eingenäht. Es ist das Geld eines befreundeten jüdischen Textilhändlers, dem er versprochen hat, das Geld ins Ausland zu schmuggeln. Das Risiko ist nicht allzu hoch. Unter Rennfahrern ist es in dieser Zeit üblich, Geld oder Wertsachen nach draußen zu schmuggeln. An diesem Silvestertag aber wird Albert Richter außergewöhnlich streng kontrolliert. Die Reifen werden aufgeschnitten, das Geld gefunden, Albert Richter verhaftet und ins Gerichtsgefängnis Lörrach gebracht. Am 2. Januar 1940 ist er tot.

          Sein Bruder Josef findet die Leiche im Keller des Krankenhauses: in einer Blutlache liegend, an einigen Stellen durchlöchert, mit blutbesudelten Taschentüchern auf dem Kopf. Er wird sofort wieder aus dem Raum gedrängt. Josef Richter setzt gegen den anfänglichen Widerstand der Behörden durch, daß ihm der Sarg zur Bestattung ausgeliefert wird - mit der Auflage jedoch, ihn nicht zu öffnen. Er tut es trotzdem und sieht seine Mordvermutung bestätigt. Auch der Totengräber berichtet später von einer Schußwunde im Genick. Von offizieller Seite kursieren mehrere Todesursachen: Skiunfall, Selbstmord durch Erhängen, auf der Flucht erschossen. Das offizielle Verbandsorgan "Der Deutsche Radfahrer" schreibt am 10. Januar 1940 zum Tod von Albert Richter: "Sein Name ist für alle Zeit in unseren Reihen gelöscht."

          Was genau passierte im Gerichtsgefängnis Lörrach, bleibt ungeklärt. Eine Ermittlung der Staatsanwaltschaft Lörrach aus dem Jahr 1967 hinterläßt mehr Fragen als Antworten, bestätigt aber die Selbstmordvariante. Die Autorin Renate Franz hat zahlreiche Hinweise zusammengetragen, die dafür sprechen, daß Albert Richter von neidischen Kollegen verraten, der Gestapo ans Messer geliefert und letztlich ermordet wurde. Beweisen läßt sich diese These nicht. Doch ihr Buch, mit vielen Bildern und Dokumenten ausgestattet, zeichnet die fesselnde Geschichte eines Sportlers nach, der durch seine kompromißlose Art und seine Zivilcourage an einer verbrecherischen Zeit zugrunde ging.

          BERND STEINLE

          Besprochenes Buch: Renate Franz: "Der vergessene Weltmeister. Das rätselhafte Schicksal des Radrennfahrers Albert Richter", Emons Verlag Köln, 194 Seiten, 32 Mark.

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