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Rezension: Sachbuch : Urorte, chinesisch

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Völker und Dynastien wurzeln gerne mit Legitimationsgewinn im Humus des Mythischen, um ihre Identitäten gegen historische Erosionen zu befestigen: Nationalmythen als Paradeplätze vorgeführter Selbstdeutung. Anne Birrell, die als Übersetzerin früher chinesischer Volksballaden und Liebeslyrik bekannt ...

          Völker und Dynastien wurzeln gerne mit Legitimationsgewinn im Humus des Mythischen, um ihre Identitäten gegen historische Erosionen zu befestigen: Nationalmythen als Paradeplätze vorgeführter Selbstdeutung. Anne Birrell, die als Übersetzerin früher chinesischer Volksballaden und Liebeslyrik bekannt ist, sammelt vieles aus dem frühen chinesischen Schrifttum, was mit Spektakulärem und Kuriosem aufwartet, in der Mythentruhe des vorliegenden Bandes.

          Sicherlich hat Gustav Schwab in seinen "Sagen des klassischen Altertums" die historischen und gattungsbedingten Unterschiede zwischen Hesiods, Homers und Ovids mythischem Pantheon großzügig geglättet. Trotzdem hat die westliche Antike eine recht schlüssige Mythenwelt hinterlassen, nicht zuletzt weil die mythischen Stoffe im Drama und Roman einen zuverlässigen und kreativen Nachlaßverwalter hatten. Nicht so im alten China: Wer dort Mythen finden will, muß sie aus Gedichtsanthologien, philosophischen Werken und Klassikerkommentaren zusammensuchen. Die Folge: Das Flickwerk zeigt häufig widersprüchliche oder zumindest unverbundene Mythenfragmente, die nicht immer der charakterlichen Profilierung ihrer Protagonisten dienen, sondern oft von Schreibgattung und argumentativem Kontext bestimmt sind. Viele der chinesischen Helden leiden somit an multipler Persönlichkeitsstörung, haben mehrere, austauschbare Gesichter. Daher verwundert, daß Birrell die chinesische Mythologie für "authentischer" hält als die abendländische, schlüssigere, da literarisierte Mythologie. Ihr Urteil fußt auf der Fehlannahme, daß man im Fragmentarischen einer authentischen, wenn auch verschriftlichten mündlichen Überlieferung begegne.

          Aber die situative Vereinnahmung mythischer Versatzstücke, besonders zur Herrschaftslegitimation, ist oft allzu offensichtlich. So feiert etwa ein dynastischer Hymnus, der wohl zur Regierungspropaganda der Zhou-Könige gehörte, Houji, den "Meister Hirse", als Erfinder und Beschützer des Ackerbaus und zugleich als Stammvater der Zhou-Dynastie (elftes bis drittes Jahrhundert vor Christus). Doch nach dem Fall der Zhou und ihrer mythischen Protagonisten finden wir Houji in der Hanzeit plötzlich zum Agrarminister des vor-zhouzeitlichen Kaisers Shun degradiert. Anstatt wie die Autorin spätere Versionen eines Mythos als "Sekundärkonzepte" abzuwerten, sollte man also lieber die Illusion eines rekonstruierbaren "Ursprungsmythos" aufgeben und in der Vielfalt eine einmalige Gelegenheit sehen: Das frühe chinesische Schrifttum bietet ein einzigartiges Labor für Studien antiker Mythopöie und "Mythopolitik": Wie wurden Mythen gemacht und vermacht?

          Ein kurzer Abriß historischer Instrumentalisierung, aber seit dem zwanzigsten Jahrhundert auch verstärkten Ablehnung des mythischen Erbes hätte eine Brücke zu modernen Mythendebatten schlagen können, unterbleibt aber leider. So war etwa den sogenannten "Altertumszweiflern" um Gu Jiegang, die in den zwanziger Jahren inmitten von Bürgerkrieg und Modernisierungskämpfen nach einer neuen, rationalen Geschichte für ein modernes China suchten, der traditionelle Glaube an die mythische Frühgeschichte ein Dorn im Auge: sie wollten sie ganz aus der historischen Chronik streichen und behaupteten, die sagenhaften frühen Kaiserdynastien entsprängen lediglich der späteren Historisierung fiktiver Gestalten - die Mythologie auf dem Müllhaufen der Geschichte.

          Birrell erzählt nicht nur von den frühen Kulturheroen, die sich im Gegensatz zu ihren unzüchtigen griechischen Kollegen durch zivilisationsschaffende Sublimation hervortun, sondern breitet ein buntes Potpourri von Kosmogonien, Katastrophenmythen und legendären Metamorphosefabeln aus. Wer das Mythische als Wunderkammer des Fremden liebt, wird sich an den Geschichten von fremden Ländern und Menschen, sagenhafter Flora und Fauna erfreuen, die die Autorin aus dem Bestiarium "Klassiker der Berge und Meere" vorstellt: das Werk spart nicht mit Darstellungen von vielköpfigen haarigen Mischtieren, lochbrüstigen oder einarmigen Menschenwesen.

          Anne Birrells Florilegium hat nicht den Anspruch, die chinesische Mythenwelt aus der Perspektive ihrer vielfältigen Quellen und Variationen heraus plastisch zu machen. Wer es genauer und historischer wissen möchte, kann zu Birrells wissenschaftlicher Darstellung "Chinese Mythology" (Johns Hopkins University Press, 1993) greifen. Als Thesaurus für vergleichende Mythenfreunde ist der Band attraktiv und dazu einfach, aber ansprechend illustriert. Wer wird nicht, wenn er von jenem Yu, dem Bändiger der großen Flut, liest, gleich zur Genesis und dem Gilgamesch-Epos greifen wollen? Lektüre ist eben im besten Falle ein Aushorchen der eigenen Erinnerung.

          WIEBKE DENECKE

          Anne Birrell: "Chinesische Mythen". Aus dem Englischen von Christian Rochow, Reclam Verlag, Stuttgart 2002. 128 S., br., 14,90 .

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