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Rezension: Sachbuch : Unterm Strich

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Anthony Grafton ist gut zu Fußnoten / Von Patrick Bahners

          Während im Hause des Henkers vom Beil nicht gesprochen wird, ist der Spott über die Fußnote vor allem unter ihren Benutzern verbreitet. Nichts ist langweiliger als die vorläufigen Anmerkungen zu den Prolegomena einer künftigen Fußnotenwissenschaft, die alle paar Jahre ein neuer akademischer Scherzbold vorlegt. Der Aufbau ist stets so absehbar wie eine Büttenrede: Nach dem ersten Wort folgt die erste Fußnote. Tusch! Narrhallamarsch! Anthony Graftons Buch gehört nicht in dieses Genre - die neckische Aufmachung und der alberne Titel täuschen.

          Geisteswissenschaftler lächeln gerne über den vermeintlich naiven Objektivismus der Naturwissenschaftler. Dabei ist die Geschichte der Naturwissenschaft der geisteswissenschaftlichen Konkurrenz in der Kritik der wissenschaftlichen Denkformen weit voraus. Thomas Kuhn regte Chemiker und Physiker an, nach der Geschichte von Versuchsanordnungen und Beweisverfahren zu fragen. Analoge Untersuchungen über die Technik des Belegens in den historischen Wissenschaften fehlen. Der Objektivitätsanspruch der neuen Historie wird immer noch als philosophische These widerlegt, nicht als rhetorische Fügung analysiert. Die Geschichtstheorie ließ sich von Kuhn lieber den Griff aufs Ganze der "disziplinären Matrix" lehren als die Aufmerksamkeit für das Kleingedruckte.

          Grafton lenkt nun den Blick von den Paradigmen auf die Paratexte. Er eröffnet eine neue Runde im unendlichen Kampf von Philologie und Philosophie, der in den letzten zweihundert Jahren oft ein Streit zwischen angelsächsischem Positivismus und deutschem Idealismus gewesen ist. Wo die Hermeneutik seit Lessing den Wortlaut der unverständlichen Überlieferung in den gefälligen Geist auflöste, da erinnert Grafton an den sperrigen Buchstaben. Deutsche Historiker jedweder Couleur sind stolz darauf, daß sie Sinn produzieren. Ihr amerikanischer Kollege traut seinen Augen lieber als der Theorie und sieht zunächst, daß sie Texte schreiben.

          Der Sinn, den diese Texte im glücklichen Fall abwerfen, hängt von ihrer Autorität ab. Man muß ihnen glauben können. Das wichtigste Instrument zur Herstellung von Glaubwürdigkeit ist die Fußnote. Es genügt nicht mehr, daß der Historiker versichert, er sei dabeigewesen oder könne sich wenigstens für die Vertrauenswürdigkeit der Augenzeugen verbürgen. Die moderne Wissenschaft ist ein Betrieb, in dem die Mitarbeiter einander nicht mehr kennen; die Tugend der Aufrichtigkeit wird ersetzt durch die Befolgung äußerlicher Regeln. Die wissenssoziologische Funktion der Fußnote liegt im Statuserwerb; das erhellt aus dem Umstand, daß niemand so viele Fußnoten schreiben muß wie der Anfänger. Aber auch der Professor darf den Mühen der Ebene erst entsagen, wenn er berühmt geworden ist. Dann verleiht wieder der Autor dem Text Autorität und nicht umgekehrt.

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